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Porträt eines radikalen Skeptikers

Bernd Mattheus

Cioran
Porträt eines radikalen Skeptikers


448 Seiten, Abb., gebunden mit Schutzumschlag
Euro 28,90 / sFr 47,20
ISBN 978-3-88221-891-6
Oktober 2007



Der Dandy der Leere – E.M. Cioran

Cioran, der »Dandy der Leere, neben dem selbst Stoiker wie unheilbare Lebemänner wirken« (Bernard-Henri Lévy), war einer der einflußreichsten kulturkritischen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein widersprüchliches Leben ist noch nie so detailreich rekonstruiert worden wie in der vorliegenden Biografie von Bernd Mattheus. In bisweilen schmerzlicher Nähe zu den Äußerungen des Selbstmord- Theoretikers beleuchtet er auch die bislang wenig bekannte Zeit vor seiner Emigration nach Frankreich.

Emil M. Cioran, geboren 1911 im rumänischen Sibiu (Hermannstadt), studierte an der Universität Bukarest, wo er mit Mircea Eliade und Eugène Ionesco eine lebenslange Freundschaft schloß. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin emigrierte er 1937 nach Paris; seit dieser Zeit schreibt er auf französisch. Der Verfasser von stilistisch brillanten Aphorismen und Essays pessimistischster Prägung erregt schließlich mit der 1949 erschienenen Schrift »Lehre vom Zerfall« großes Aufsehen. Das Buch, das ihn international bekannt machte, wurde von Paul Celan ins Deutsche übersetzt und begründete seinen Ruf als unerbittlicher Skeptiker. Es folgen viele weitere kompromißlose Werke wie »Syllogismen der Bitterkeit« oder »Die verfehlte Schöpfung«. Bis in die späten 1980er Jahre bleibt Ciorans finanzielle Lage prekär, 1995 stirbt der Aristokrat des Zweifels und der Luzidität als gefeierter Denker in Paris.



Die vorliegende Biografie Ciorans ist die bislang gründlichste Gesamtdarstellung von Leben und Werk dieses Ausnahmedenkers. Bernd Mattheus gelingt nicht nur eine präzise Rekonstruktion Ciorans Lebens, sondern auch eine verblüffende Verlebendigung des »nach Kierkegaard einzigen Denkers von Rang, der die Einsicht unwiderruflich gemacht hat, daß keiner nach sicheren Methoden verzweifeln kann.« (Peter Sloterdijk)

Bernd Mattheus ist Verfasser der umfangreichsten Biografie Georges Batailles (Bataille-»Thanatographie« in drei Teilen), sowie einer Biografie Antonin Artauds und einer eigenen Antwort auf Ciorans Denken: »Heftige Stille«.


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Leseprobe zum Buch von Bernd Mattheus: Cioran. Teil 1

Leseprobe zum Buch von Bernd Mattheus: Cioran. Teil 2

Leseprobe zum Buch von Bernd Mattheus: Cioran. Teil 3



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Bernd Mattheus (* 8. März 1953 in Eisenach; † 26. Juni 2009 in Kassel)

from
b.mattheus@
to
JanVanBiervliet@

date
Sat, Nov 10, 2007 at 7:08 AM
subjectshort-bio cioran

Bonjour Jan,
im Anhang (word.doc) die versprochene Kurzbiographie. Kürzen Sie nach belieben(as you like it) die 2 Seiten.In meinem Buch fehlt eine solche Zusammenfassung - und manches andere auch, soca.30 Abbildungen, da der Verlag Kosten sparen wollte. Anyhow, das wird mein"Schwanengesang", d.h. mein letztes Buch gewesen sein. Wenn Sie es gelesen haben, werden Sie das vielleicht verstehen. Solche Kraftakte dankt einem niemand.

Alles Gute
B.M.

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7 Comments:

Anonymous said...

S. 78 ff - Teil 1

Der schlaflose Agitator

In dieser Situation, d. h. Seit Oktober 1933, befindet sich Cioran gemeinsam mit dem Soziologen Anton Golopentia (1909-1951) in Berlin. Unter dem Vorwand, seine Promotion in Psychologie vorzubereiten, hat sich der stellungslose Studienrat für Philosophie erfolgreich um ein Stipendium der Humboldt-Stiftung beworben. An der Friedrich-Wilhelms-Universität belegt er Soziologie, Religionsphilosophie und Kunstgeschichte, vor allem aber hört er Nicolai Hartmann über Metaphysik.

Im Selbstgespräch seiner "Cahiers" erinnert sich Cioran drei Jahrzehnte später zuerst an seine mentale Ausnahmesituation, um seine politische Publizistik unerwähnt zu lassen: "Ich habe dort das Leben eines Irren, eines Wahnsinnigen geführt, in einer fast totalen Einsamkeit. Wenn ich nur den Mut oder das Talent hätte, den Alptraum heraufzubeschwören! (…) Es ist das negative summum meines Lebens."

Aus dem Studentenwohnheim in der Schumannstraße schreibt er am 15. November an Eliade: "Ich fühle mich in Berlin sehr wohl und bin sogar von der hier herrschenden politischen Ordnung begeistert." Derselbe politische Tenor findet sich in seinen Briefen vom Dezember 1933 an Nicolae Tatu wieder, dem er schreibt: "Nur eine Diktatur kann mich noch erwärmen, Menschen verdienen keine Freiheit." Nicolae Argintescu-Amza bestärke ihn in seinem Antisemitismus. Gleichzeitig erfahren wir etwas über seinen Alltag. Obwohl sich die Freunde Petre Tutea und Sorin Pavel ebenfalls in Berlin befinden, lebt er sehr zurückgezogen und geht offenbar nicht aus, sondern hört dafür Musik in seinem Zimmer. Andererseits weiß er von sympathischen Deutschen zu berichten, um hervorzuheben, daß die Frauen in Berlin zugänglicher seien als in Bukarest. Petru Comarnescu gegenüber bekennt er am 27. Dezember 1933 : "Einige unserer Freunde meinen, daß ich aus Opportunismus Hitleranhänger geworden bin. Um Dir die Wahrheit zu sagen: es gibt hier Dinge, die mir gefallen und ich bin mir gewiß, daß es einer Diktatur gelingen würde, unseren autochthonen Marasmus zu besiegen." Diametral entgegengesetzt die Eindrücke Antonin Artauds, der sich in diesen Jahren mehrmals zu Dreharbeiten in Berlin aufhielt.

Kaum in Berlin eingerichtet, entfaltet er in der Bukarester Wochenschrift Vremea seine polemischen Talente. So wertet er Nicolai Hartmann, das Musterbeispiel für akademisches Philosophieren, gnadenlos ab. Im Vergleich zu Heidegger oder Klages gebreche es diesem an Prophetismus und existentiellem Pathos. In seiner Eloge auf Ludwig Klages heißt es dagegen: "Klages, mit seinem Aussehen eines protestantischen Pastors und dem Temperament eines Kondottieres, überschäumend, aufbrausend, redegewandt und prophetisch, geheimnisvoll und gleichzeitig gelehrt, ist der gelungenste Mensch, dem ich bisher begegnet bin. Dieser Mann gleicht einem Zauberer und sein Charme ist unwiderstehlich. Der 'Kosmiker' war Privatgelehrter und zu keiner Zeit ordentlicher Professor. Die Verknüpfung von heidnischer Mystik mit biologistischer Metaphysik, Kulturkritik und Lebensphilosophie dürfte Cioran bestochen haben. Nur, der glänzende Rhetoriker und Dandy Klages kam auch nicht ohne einschlägige rassistische Infamien aus, die er seit der Jahrhundertwende formulierte: der Jude sei der "Vampyr der Menschheit", "die Lüge selbst", der Jude sei "überhaupt kein Mensch".

Cioran hatte schon vorher mit Begeisterung Heideggers "Sein und Zeit" gelesen. Er sieht die "Enthüllungen über den Tod und das Nichts" der Philosophie Heideggers in Ferdinand Bruckners Stück "Krankheit der Jugend" (1926) als dramatisches Äquivalent (Gindirea, vom Dezember 1932). Erst im Abstand der Jahre wird sich Cioran entschieden von der Verbalmagie Heideggers distanzieren: "Die Faszination, die die Sprache ausübt, erklärt meiner Meinung nach den Erfolg Heideggers. Er ist ein Manipulator ohnegleichen; sein Verbalgenie ist außergewöhnlich, aber er treibt es zu weit, er räumt der Sprache eine schwindelerregende Bedeutung ein. (…) Die Nichtigkeit einer solchen Übung sprang mir in die Augen. Ich hatte den Eindruck, man wolle mich täuschen mit all den Worten."

In der Weihnachtsausgabe 1933 von Vremea nimmt der 'Auslandskorrespondent' Cioran zum Thema "Deutschland und Frankreich oder die Friedensillusion" Stellung. Die These von zwei unterschiedlichen, gänzlich unversöhnlichen Kulturen gipfelt in einer Apologie des 'Führers'. Die deutsche Seele, der deutsche Charakter, als mystisch und tragisch apostrophiert, wird ausgespielt gegen die vernunftbetonte französische Kultur des Stils. Vermittle der Führerkult den Deutschen nicht ein Sicherheitsgefühl, das der Gewißheit vergleichbar sei, ein großartiges Schicksal zu haben? "Ich liebe die Anhänger Hitlers wegen ihres Kults des Irrationalen, ihres exaltierten Vitalismus an sich, einer Virilität ohne jeglichen kritischen Geist, ohne Rücksicht und ohne Kontrolle." Zwar ahnt er die "unendliche Tragödie", die aus dem Kult des Irrationalen, der Verherrlichung der Lebenskraft resultieren könnte: entspricht dieser NS-Kult aber nicht seiner zeitweiligen Diskreditierung des "Kults der Wahrheit", dieser "Pubertätsmacke" oder dem "Symptom von Senilität"?

Abgesehen vom anti-intellektuellen Affekt, den die Hitlerei bestärkt, quält Cioran Rumäniens historische Bedeutungslosigkeit. Man ersetze Hitler durch Codreanu und Deutschland durch Rumänien in seinem Text. Wie wird ein Land vom Objekt zum Motor der Geschichte? In seinem mit "Romania in fata strainatatii" (Rumänien von außen betrachtet) überschriebenen Artikel vom April 1934 macht Cioran seinen Landsleuten deren sklavische Natur bewußt. Ganz im Gegensatz zum angemaßten Herrenrasse-Status der Nazis geißelt er die "untermenschliche Feigheit" des Rumänen: "Es ist nicht möglich, mit einem solchen Menschenmaterial eine einzige maßlose Hoffnung zu hegen. Aber aus Neigung und Geschmack habe ich stets die Maßlosigkeit gesucht und geschätzt", wird er noch 1970 schreiben. 1934 empfiehlt er den Knechten einer "französischen Kolonie", sich zumindest zu einem Macht-Kultus aufzuraffen. Seine praktischen Vorschläge zur gänzlichen Veränderung des Antlitzes Rumäniens lauten: rasche Industrialisierung, Verdoppelung der Bevölkerung. Zynismus der Geschichte: es wird dies mehr oder weniger das Programm der Kommunisten sein, nach dem Zweiten Weltkrieg, mit den bekannten katastrophalen Folgen.


"Mein Nationalismus, Militarismus"

Fotos aus der Zeit zeigen einen elegant gekleideten jungen Mann von kleiner Statur, der auch einmal eine Vorlesung beim Psychiater Karl Bonhoeffer in der Charite besucht. Der von Lombroso, dann von Wilhelm Lange-Eichbaum konstruierte Zusammenhang von Genie, Wahnsinn und Verbrechen treibt ihn um. Aber nicht etwa, um den Nazismus zu verstehen, sondern sich selbst, unterstelle ich, denn weiterhin plagen ihn Phasen extremer Schlaflosigkeit, die auf seine Depressivität hinweisen. Noch 1965 erinnert er sich an die Falldemonstration bei Bonhoeffer in Berlin, weil er sich mit der Verweigerungshaltung des internierten Studienobjekts identifiziert: "Ich will meine Ruhe haben."

Kaum vereinbar mit dem Elan des Pamphletisten wirkt es, wenn er den Studienaufenthalt im 'Reich' "die düsterste Zeit meines Lebens (auch die anregendste)" nennt oder an anderer Stelle detailliert eine ekstatische Erfahrung gerade in Berlin schildert. Im Brief an Nicolae Tatu vom 28. Januar 1934 heißt es, daß er keinen Gedanken mehr an eine akademische Karriere verschwende. Vielmehr stellt er sich seine Zukunft als Musikkritiker vor. Seiner Ansicht nach hätten die Deutschen große Hoffnung in die "Eiserne Garde" gesetzt.

Im April 1934 schreibt sich der Student der Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ein, wo er u. a.
Vorlesungen des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin besucht, der seinerseits Ludwig Klages schätzt.

In seinen "Eindrücken aus München. Hitler im deutschen Bewußtsein", abgedruckt in Vremea vom 15. Juli 1934 , preist Cioran seinen Landsleuten abermals Hitler als Vorbild an: "Hitler hat die politischen Kämpfe mit glühender Leidenschaft erfüllt und mit messianischem Hauch eine Gesamtheit von Werten dynamisiert, die vom demokratischen Rationalismus zu Plattheiten und Trivialitäten erniedrigt worden waren. Wir alle brauchen Mystik, weil wir der vielen angeblichen Wahrheiten müde sind, die kein Feuer hervorbringen. (…) Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mehr Sympathie und Bewunderung in mir hervorruft als Adolf Hitler. (…) Der Führer-Mystizismus ist voll gerechtfertigt, es ist Hitlers Leistung, daß er den kritischen Geist einer ganzen Nation ausgemerzt hat." Während der Semesterferien (Juli-Oktober) hält er sich in Rumänien auf.

In seinem Artikel vom 5. August 1934 ergreift er Partei für den nationalsozialistischen Wertekanon, indem er den Humanismus als "Illusion", den Pazifismus als "politische Masturbation", Werte an sich als "Absurdität" und Freiheit für alle als demokratische Illusion, ein "beschämendes Vorurteil" denunziert. In Ciorans Augen entspricht "anarchistischer Optimismus" nicht der menschlichen Natur, um so mehr müsse alles dem Sieg der 'Bewegung' subordiniert werden. Folglich kann er auch die blutige Niederschlagung des Röhm-Putsches begrüßen: "Ich frage alle, was verliert die Menschheit, wenn einigen Dummköpfen das Leben genommen wird (…). Das Leben solcher Leute zu beenden, das Blut solcher Kreaturen zu vergießen, ist Pflicht. Oh, dieses Vorurteil vom Wert eines Menschenlebens an sich! Wert an sich! So etwas ist reine Feigheit!" Immerhin gesteht er zu, daß es ein Verbrechen wäre, einen Richard Strauss, einen Furtwängler oder Klages zu ermorden, nicht aber das Dasein von Individuen zu beenden, die lediglich ihren Willen zur Macht nicht befriedigen konnten.

Anonymous said...

Leseprobe zu Bernd Mattheus: Cioran. Teil 2
01.10.2007.

Cioran bedient sich hier der Rhetorik des Totalitarismus aller Zeiten, welcher die Unterwerfung des Individuums unter das kollektive Ziel der vermeintlich besseren neuen Ordnung fordert. Sicher konnte er nicht die Zeit der Kzs noch jene der sowjetischen GULags vorhersehen, aber die Terreur der Französischen Revolution mußte ihm geläufig sein. Wenn sich Denker politisch vereinnahmen lassen, geht es selten gut aus. Sartre, der fast zeitgleich mit Cioran in Berlin weilte, um sich in Husserl und Heidegger zu vertiefen, wird später die stalinistischen Schauprozesse rechtfertigen, weil sie der Utopie dienen - ganz zu schweigen vom Konformismus des Parteigenossen Martin Heidegger.

Im fortgeschrittenen Alter wird Cioran seine fehlende Luzidität als pathologisch bezeichnen: "Meine krankhafte Bewunderung für Deutschland hat mir mein ganzes Leben vergiftet. Es ist der schlimmste Irrsinn meiner Jugend. Wie konnte ich einer im Grunde so wenig interessanten Nation einen Kult widmen? Äußerst starrköpfige, mittelmäßige Menschen ohne die geringste geistige Unabhängigkeit. (…) Wenn ich von einer Krankheit geheilt bin, dann von dieser. Wenn ich sie eines Tages im Detail beschreiben würde, und wie ich sie gelebt habe, würde man mich in einer Irrenanstalt einsperren, man würde mich bestrafen, weil ich verrückt gewesen bin."

Der pseudoreligiöse Aspekt des Faschismus erschließt sich Cioran, wenn er im Selbstgespräch seiner Tagebücher 1966 notieren wird: "Um 1934 befand ich mich in München. Ich lebte dort in einer Anspannung, die mich sogar jetzt, wenn ich daran denke, zittern läßt. Es schien mir damals so, daß nicht viel fehlte und ich eine Religion gestiftet hätte, und diese Eventualität flößte mir den allergrößten Schrecken ein." Zur Entspannung liest er im Englischen Garten Proust.

Von München aus besucht er Bayreuth. Sein Eindruck besteht aus einer "Mischung aus Stupidität und Erhabenheit (sehr deutsch)" . Entscheidender werden die vier Wochen in Paris sein, eine Erfahrung, die er als "Liebe auf den ersten Blick" zusammenfassen wird. Von der Schmähung der Kolonisatoren Rumäniens zur frankophilen Begeisterung: solche Schwankungen bestimmen das Temperament des jungen Cioran, insbesondere aber das des Journalisten.

1935 finden wir Cioran wieder in Berlin, wo er sich, angeregt durch Eliades Vorträge in Bukarest, in Buddhismus-Lektüren vertieft, um sich "vom Hitlertum nicht vergiften oder anstekken zu lassen". Zunächst bedeutet dies nichts weiter, als daß er eine Anthologie rezipiert, während er sich gleichzeitig betrinkt.

In Vremea vom 17. Februar 9 polemisiert er abermals "Für ein anderes Rumänien". Er entflammt für Extremisten, mögen diese nun den Namen Hitler oder Lenin tragen, da diese imstande seien, Geschichte zu machen und die "Mystik einer allgemeinen Mobilmachung" zu verwirklichen. "Rumänien wird nur unter der Bedingung in der Geschichte weiterbestehen, daß diesem Land von Schlitzohren, Skeptikern und Resignierten ein spartanischer Geist eingehaucht wird." Selbst die Hitlerjugend begeistert ihn als eine Organisation, die den Deutschen ab dem Alter von fünf Jahren (!) Parteimitglied werden lasse.

Der politisierte Denker grenzt sich, weil er Gesetzgeber sein will, nun sogar von den Skeptikern ab. Seinem Bruder Aurel rät er von Berlin aus zu einer vita activa, als er erfährt, daß dieser Theologie studiert. In einem Brief vom 31. März 1935 warnt er ihn, in seine Fußstapfen zu treten, "denn es sind Spuren, die nicht verschwinden, sondern Dich verfolgen". Weiter heißt es: "Laß, wenn Du kannst, Dein Innenleben beiseite, denn wenn Du Dich maßvoll darin vertiefst, hat es keine Bedeutung, und wenn Du es bis zum Höhepunkt gebracht hast, wird das Innenleben Dich zerstören. (…) Die Tat als Selbstzweck stellt das einzige Mittel dar, sich ins Leben zu reintegrieren. (…) Die Politik, die große Politik ist der Wissenschaft weit überlegen. Die einzige Art und Weise, den Abgründen der Innerlichkeit zu entkommen, besteht darin, einen anderen Weg einzuschlagen, der sich wesentlich unterscheidet." Aurel Cioran wird dann der "Garde" Codreanus beitreten.

Im April 1935 weilt Cioran abermals in München und besucht seinen Freund Bucur Tincu, der dort als Stipendiat lebt. Dresden besucht er im Juni, auch weil hier Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" entstand.

Im August 1935 frequentiert Mircea Eliade die Berliner Staatsbibliothek, um dort die Bibliographie seiner Dissertation über den "Yoga" auf den neuesten Stand zu bringen. Wie um die political correctness avant la lettre vorwegzunehmen, mokiert er sich in seinen Memoiren über die Allgegenwart des Nazismus und erklärt originellerweise, sich dem Anblick von Braun- und Schwarzhemden sowie der Hakenkreuzfahne konsequent entzogen zu haben, indem er nur nachts ausgegangen sei! Nach der Lektüre der "Yoga"-Studie erklärt Cioran später dem Autor apodiktisch, dem "einfachsten Bolschewiken oder Hitleranhänger näher zu sein als der Meditationstechnik".

Nach Rumänien zurückgekehrt (Juli 1935) ist Cioran genötigt, Ende 1935 bis Anfang 1936 seinen Militärdienst abzuleisten.
Er veröffentlicht Politisches wie auch Philosophisches in Actiunea (Aktion), einem in Sibiu erscheinenden Blatt. Während dieser Zeit vollzieht er eine erste Distanzierung von der "Eisernen Garde", denn am 9. Dezember 1935 schreibt er aus Sibiu an Eliade: "Ich habe endgültig darauf verzichtet, mich aktiv politisch zu betätigen. Obwohl ich den Eindruck habe, die Politik recht gut zu verstehen, würde ich darunter leiden, mich mein Leben lang zu einem ganz äußerlichen Ruhm verurteilt zu wissen, und im übrigen findet kein politischer Wert meine letzte Zustimmung. (…) Der Unterschied zwischen mir und unseren Nationalisten ist so groß, daß meine Tätigkeit sie nur verwirren könnte. Mit den Nationalisten teile ich nur das Interesse an Rumänien. Kannst Du Dir vorstellen, daß man eine reaktionäre Mentalität reformieren könnte?" Er könne keine militanten Artikel mehr schreiben, aber auch kein Pazifist werden. Alles in allem verabscheue er die Welt: "Wenn es keine Religion und Musik gäbe, würde ich Bordellaufseher werden."

Am 12. April 1936, den 1. Osterfeiertag, besucht er in Begleitung von Jeni und Arsavir Acterian eine Bukarester Irrenanstalt.

Als im Dezember 1936 sein Pamphlet "Schimbarea la fata a Romaniei" im Verlag seiner Hauszeitschrift Vremea erscheint, wirkt Cioran als Studienrat für Philosophie am "Andrei Saguna"- Gymnasium von Brasov. Unterdessen schreitet die "Garde" zu öffentlichen Bücherverbrennungen, wenn sie nicht gerade marschiert, Angst und Schrecken verbreitet oder die eigenen Reihen von Verrätern säubert.

"Die Verklärung Rumäniens" - die deutsche Übersetzung des Titels schlug der Autor selbst vor - meint weniger Glorifizierung denn Appell zu einem Gesichtswandel des Landes, zum Aufstand der rumänischen Volksseele: "Die Fanatisierung Rumäniens ist die Verklärung Rumäniens. (…) Ich kann nur ein Rumänien lieben, das sich im Fieberwahn befindet. (…) Ich träume von einem Rumänien, das das Schicksal Frankreichs und die Bevölkerung Chinas hätte." Cioran imaginiert ein Rumänien, das selbst Maßstab, identisch mit unbezweifelbaren Werten wäre. Jene prophetische Nation, lautet seine megalomanische Utopie, soll einst zur Stellvertreterin der ganzen Menschheit werden. Ein Größenwahn, der im wesentlichen der Abwehr eines verinnerlichten Minderwertigkeitskomplexes dient, denn Jahrzehnte darauf wird er noch bekennen: "Ich haßte die Meinen, mein Land, die zeitlosen Bauern, die ihren Stumpfsinn über alles stellen, geradezu berstend vor Erstarrung, ich schämte mich, von ihnen abzustammen, verleugnete sie, ich verweigerte mich ihrer negativen Ewigkeit, ihrem versteinerten Lemurendenken, ihrem geologischen Halbschlaf. Vergebens suchte ich in ihren Zügen die flackernde Grimasse der Revolte: in ihnen, ach! Kaum eine Spur vom Affen."


Der die Mittel heiligende Zweck

"Die Verklärung Rumäniens" feiert deshalb denn auch den Arbeiter-Souverän. Analog zu Ernst Jünger hat man sich den Arbeiter als "akosmisches Wesen", einen neuen Menschentyp vorzustellen, wohingegen vom Bauern allenfalls der Eintritt in die Weltgeschichte durch die Hintertür erwartet wird. "Alle Mittel sind legitim, wenn sich ein Volk einen Weg in die Welt bahnt. Terror, Verbrechen, Bestialität und Perfidie sind nur in der Dekadenz niedrig und unmoralisch nur, wenn sie der Inhaltsleere zu Hilfe kommen; wenn sie dagegen dem Aufstieg eines Volkes helfen, verwandeln sie sich in Tugenden. Alle Siege sind moralisch."

Was Ciorans antisemitische Tiraden angeht, so greift er auf tradierte Klischees zurück. Der Jude steht für Materialismus, "Vampirismus", "ekelhafte Melancholie und abstoßende Ironien, die in der Dunkelheit des Gettos entstanden". Der Jude sei nicht unser "alter ego, unser Nächster", behauptet er: "Der Jude ist nicht wie wir unser Nachbar (…), wie vertraut wir mit ihm auch werden können, es ist, als stammten wir von einer anderen Affenart ab. (…) Wir können ihm nicht als Mensch begegnen, weil der Jude zuerst Jude ist und dann ein Mensch." Das sind fast wörtliche Klages-Zitate. Der Rassismus des 'Kosmikers' liegt wie Mehltau auf einem Werk, das sogar Walter Benjamin inspirierte.

Bei Cioran kommen die Ungarn, die größte Minderheit im Land, kaum besser weg. Spürbar ist die den Autor aufreibende Ambivalenz zwischen der Absicht zur Herabsetzung und der Angst vor - womöglich überschätzter - geistiger Überlegenheit, bestätigt er doch, daß die Juden das "intelligenteste, begabteste und hochmütigste Volk" der Welt seien. Schließlich erklärt er die Überfremdung zum Menetekel: "Ein gesunder nationaler Körper beweist seine Lebenskraft durch den Kampf gegen die Juden, vor allem, wenn diese durch ihre Anzahl und ihre Unverschämtheit ein Volk überfluten. (…) die Juden, die durch die Geschichte die Obskuritäten des Gettos mit sich schleppen und dessen ekelhafte Trauer und abstoßende Ironien in sich führen, was sie längst aus der Natur ausgestoßen hat, sie aber weiterhin abschreckend in der Geschichte bewahrt." Konkret ergeht an das Volk Israels der Vorwurf, "Verräter", "Todfeinde" des Nationalgedankens zu sein. Denn als Entwurzelten diene den Juden die Religion, entbehre sie auch der "Transzendenz", als Heimat- ersatz: "Ich kritisiere insbesondere das Judentum der Nachkriegszeit.
Hat es sich nicht allen Bemühungen widersetzt, unser Land zu erneuern? Die Juden haben aus ein paar Verrückten und Degenerierten, denen es gelang, eine bereits korrumpierte Demokratie in Mißkredit zu bringen, ihr Herrschaftsinstrument gemacht und so auf nicht wiedergutzumachende Weise das ganze Land geschmäht. (…) Wir müssen endgültig begreifen, daß die Juden kein Interesse daran haben, in einem starken und selbstbewußten Rumänien zu leben."

Daß Cioran die bewährte Sündenbock-Rhetorik nicht bruchlos übernimmt, entkräftet nicht die Vehemenz seiner rassistischen Sophismen, aber mehrmals hebt er hervor, daß die Juden "keineswegs für unser Elend, unser altes Elend verantwortlich" sind. "Der Antisemitismus ist weder imstande, die nationalen noch die sozialen Probleme eines Volkes zu lösen. Das sind nichts weiter als Fragen der Reinigung. Unsere angeborenen Laster bleiben seit allen Zeiten dieselben." "Das Problem Rumäniens wäre nicht weniger ernst, wenn wir alle Fremden beseitigen würden. Es würde nur erst beginnen. Es ist evident, daß die Fremden neutralisiert werden müssen; aber es kann nicht die hauptsächliche Mission unseres Nationalismus darstellen, denn wenn wir uns zu lange von dieser Aufgabe blenden ließen, würden wir unsere eigene Wirklichkeit und unser Elend nicht mehr sehen."

Marta Petreu weist nach, wie sehr Cioran von Eugen Lovinescus pro-westlicher Haltung beeinflußt war. Obwohl er den Essayisten persönlich kannte, zitiert ihn Cioran nicht, um die Originalität seiner eigenen Ausführungen nicht zu schmälern.

Ciorans Kampfschrift, von Vladimir Tismaneanu als eines der "wichtigsten Manifeste des europäischen Faschismus in seiner 'nationalbolschewistischen' Version" bezeichnet, enthält trotz seiner Kruditäten und tradierten Ressentiments gewissermaßen auch den Schlüssel zum Verständnis dieser verbalen Paroxysmen. Es ist der Minderwertigkeitskomplex kleiner Nationen, begleitet von Paranoia. Angelehnt an den vom jüdischen Philosophen Theodor Lessing konstatierten "jüdischen Selbsthaß", der sich bei Otto Weininger als Misogynie manifestierte, könnte man meinen, daß Cioran den rumänischen Selbsthaß geißelt, wenn er schreibt: "Wie könnte unser elendes Volk das unbändigste ethnische Phänomen der Geschichte verarbeiten? (…) Die jüdische Vitalität ist so aggressiv und seine Gier so beharrlich, daß unsere Toleranz hinsichtlich dieses fleißigen und ausbeuterischen Volkes uns mit Sicherheit in den Ruin führen würde. Was weiß denn das rumänische Volk im Vergleich zum jüdischen? Ich bin überzeugt, daß die Juden, ließen wir ihnen völlige Freiheit, in weniger als einem Jahr sogar den Namen unseres Landes ändern würden. Alles in allem müssen wir einsehen, wenn auch betrübt, daß der Antisemitismus immer nur die größte Ehrbezeugung gegenüber den Juden gewesen ist." Capitan Codreanu bedankt sich beim Autor persönlich für das Buch, gratuliert ihm und schließt sich dem Wunsch an, "daß dieses Volk seine Zwergentracht ablegt, um eine Weltreichstracht anzulegen". Der Brief ist gezeichnet mit der Floskel: "Ein Kämpfer für die Zukunft Rumäniens schüttelt Ihnen die Hand."

Anonymous said...

Leseprobe zu Bernd Mattheus: Cioran. Teil 3
01.10.2007.

In welchem Maße der Cioran jener Jahre mehrere Personen in einer zu sein scheint, belegt die Tatsache, daß er gleichzeitig zu der "Verklärung Rumäniens" in seiner Aphorismensammlung "Das Buch der Täuschungen" schreibt: "Ein Volk, das nicht glaubt, ein Monopol auf die Wahrheit zu haben, wird keinerlei Spuren in der Geschichte hinterlassen." Im selben Fragment aber auch: "Ich kenne nur zwei Zerreißungen: die jüdische und die russische (Hiob und Dostoevskij)." Vollends aporetisch wird es, wenn der Autor weiter unten bekennt: "Abscheu gegen alles Erhabene, Gute, Wahre und Schöne. Wenn du bedenkst, daß im Namen dieser Werte oder Hirngespinste Kriege geführt, gedankliche Systeme geschaffen wurden und daß durch sie die Geschichte gerechtfertigt wird!" Gleichzeitig postuliert Cioran den Willen zur Macht, nämlich daß der Mensch "nur darauf aus [ist], entweder Gott oder Politiker zu werden".

Noch weniger vereinbar mit seiner ultranationalistischen Publizistik wirkt seine intensive Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik, woraus 1937 das Buch "Lacrimi si sfinti" (Von Tränen und von Heiligen) hervorgehen wird. Cioran ist nicht gläubig, gerade weil er der Sohn eines Popen ist und ihn die Extremisten und Zweifler faszinieren. Die stramme Orthodoxie, zu der sich die "Eiserne Garde" bekennt, ist daher eigentlich nicht seine Welt. Rückblickend heißt es über diese Lebensphase: "In dem Alter, da ich (…) 'Cartea amãgirilor' schrieb (…), lebte ich so intensiv, daß ich im Wortsinne befürchtete, als Religionsstifter zu enden… In Berlin und in München habe ich häufig Ekstasen erlebt - die für immer die Gipfel meines Lebens bleiben werden." "Wenn ich daran denke, daß ich 1934 in München mit einer solchen Intensität lebte, daß ich zu dem Schluß kam, auf dem Balkan würde eine neue Religion zum Vorschein kommen, so sehr verlieh mir mein Fieber Selbstvertrauen. Ein Vertrauen, das mich ängstigte, denn ich glaubte nicht, daß ich eine derartige Anspannung noch länger ertragen könnte."

So wird Cioran von den Polen Mystik und Macht gleichermaßen angezogen, wenn er gesteht: "In meiner Jugend strebte ich das Tamtam an, ich wollte, daß man von mir spricht, ich wollte Einfluß haben, mächtig sein, beneidet werden, es gefiel mir, aggressiv zu sein, die Leute zu demütigen etc., etc."


1937 hat sich Codreanus "Eiserne Garde" in die Partei "Totul pentru Tara" (Alles für das Land) umbenannt, ist nun eine von mehreren rechten Organisationen, die 250000 Mitglieder zählt und bei den Wahlen vom 20. Dezember 1937 eine halbe Million Stimmen gewinnen wird, somit die drittstärkste Partei darstellt.

In einem am 21. Februar 1937 in Vremea gedruckten Artikel über Hitler-Deutschland, "Am Vortag der Diktatur", betrachtet Cioran kritisch die Verwandlung eines ganzen Volkes in einen "fanatischen Wald" und vergleicht die Begeisterung der Deutschen für die Ziele des 'Führers' mit einer "Wollust am Niederknien ", einer seltsamen "Unterwerfungswut". Diese angebrachte Ironie wendet er indes nicht auf Rumänien an, im Gegenteil: "In unserem Land wird buchstäblich nach der Diktatur gerufen, es herrscht ein unbändiger Haß auf die unnötige Freiheit. (…) Deshalb soll die Diktatur errichtet werden", proklamiert Cioran in der März-Ausgabe von Vremea. "Verzicht auf die Freiheit", sein Beitrag vom 21. Juli 1937 in dieser Zeitschrift, könnte eine Art Glosse zu Georges Batailles Analyse "La structure psychologique du Fascisme" (Die psychologische Struktur des Faschismus, 1933) sein. Die wahrgenommene unbewußte Komplizenschaft zwischen Opfer und Henker veranlaßt ihn allerdings nicht dazu, vor dem 'Mussolini Rumäniens' zu warnen. Im Gegenteil, Cioran begrüßt die vermeintliche Sehnsucht der Massen nach Knechtschaft oder nur Abhängigkeit: "Seit es die Welt gibt, haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und immer frohlockt, wenn sie sie verloren haben. (…) Die Sterblichen haben immer nur jene angebetet, von denen sie in Ketten gelegt wurden. Wen haben sie zum Mythos erhoben? Die Henker ihrer Freiheit. (…) Jeder Diktator hat eine messianische Henkerseele, die mit Blut und Himmel beschmutzt ist. Die Masse verlangt danach, daß sie befehligt wird. Die sublimsten Visionen, die von Engelsflöten verströmten Ekstasen vermögen nicht so zu begeistern wie ein Militärmarsch. Adam war ein Feldwebel."

Im Juni desselben Jahres bewarb sich Cioran beim Bukarester Institut francais um ein Paris-Stipendium, indem er fingiert, eine Dissertation über Henri Bergson schreiben zu wollen. Auch dies gehört zu den zahlreichen Ungereimtheiten in Ciorans Vita. Im April 1937 hatte er von Brasov aus Mircea Eliade gefragt: "Was soll ich hier tun? Von dem Moment an, wo ich mich nicht aktiv in die nationalistische Bewegung integrieren kann, bin ich in Rumänien nicht von praktischem Nutzen."

Im "Mittelpunkt der Welt", der für ihn Paris darstellt, einmal niedergelassen, wird er im Brief vom 13. Dezember 1937 an Eliade seine Ansicht bekräftigen, Rumänien könne sich "vor dem Westen nur durch eine Revolution von rechts behaupten. Mehr denn je bin ich davon überzeugt, daß Rumäniens letzte Chance die Eiserne Garde ist… Jede Geste, die die Lunte an die Demokratie in Rumänien legt, ist ein kreativer Akt."

Spielte Cioran mit dem Gedanken, wieder in Rumänien zu leben, d. h. In einem künftigen Legionärs-Staat, als er im Winter 1940 nach Bukarest reist? Mitnichten, er will lediglich Fragen zu seinem Militärdienst klären (einem eventuellen Stellungsbefehl vorbeugen).

1940 veröffentlicht er als Privatdruck in Sibiu die Aphorismensammlung "Amurgul gindurilor" (Gedankendämmerung) und 1941 kommt die zweite Auflage seiner "Verklärung Rumäniens" heraus. Politisch erwartet ihn eine Militärdiktatur unter dem Conducator (Führer) Ion Antonescu, der im Herbst König Carol II. Zugunsten seines Sohnes Mihai zur Abdankung genötigt hatte. Im Radio Bukarest liest Cioran am 27. November 1941 eine flammende Rede zum zweiten Todestag des Capitans Codreanu, der während der sog. 'Königsdiktatur' Carol II. Am 30. November 1938 ermordet wurde: "Er hat einer Sklaven-Nation Ehre eingehaucht; er hat einem rückgratlosen Haufen den Sinn für Ehre wiedergegeben. (…) Vor Corneliu Codreanu war Rumänien eine bevölkerte Sahara. Diejenigen, die sich zwischen Himmel und Erde befanden, hatten keinen anderen Lebensinhalt als das Abwarten. Jemand mußte kommen. (…) Er wollte nicht das Elend unserer Existenz verbessern, sondern das Absolute in den täglichen Atem Rumäniens einführen. (…) Der Hauptmann hat den Rumänen einen Sinn gegeben. Vor ihm war der Rumäne nur Rumäne, also eine aus Erstarrung und Wehmut bestehende Materie. Der Legionär ist eine Rumäne mit Substanz.
(…) Seine [Codreanus] Lösungen sind gültig im Jetzt und in der Ewigkeit. Die Geschichte kennt keinen Visionär mit stärkerem Geist und so viel Weltkenntnis, gestützt auf eine heilige Seele. (…) Der Glaube eines Menschen hat eine Welt erschaffen, die die antike Tragödie und Shakespeare hinter sich läßt. Und das auf dem Balkan! Jedenfalls würde ich, wenn ich zwischen Rumänien und dem Hauptmann wählen müßte, keinen Augenblick zögern. Nach seinem Tod haben wir uns alle einsamer gefühlt. Außer Jesus war kein Toter gegenwärtiger unter den Lebenden. (…) Von jetzt an wird das Land von einem Toten regiert werden, sagte mir ein Freund an den Ufern der Seine. Dieser Tote hat ein Parfüm der Ewigkeit über unsere menschliche Spreu verbreitet und den Himmel über Rumänien wiederhergestellt."

Cioran erliegt hier dem Führerkult, den er 1937 in bezug auf Hitler als "kollektiven Wahn" qualifiziert hatte, gegen den er eine "Buddhismus-Kur" empfahl. Eines Tages wird der ernüchterte Denker notieren, was auch für diese seine Apologie eines mystischen Revolutionärs gilt: "Wenn die Menschheit dermaßen die Retter liebt, Verrückte, die sich eine Sendung anmaßen und die fanatisch an sich selbst glauben, so deshalb, weil sie sich vorstellt, daß diese an die Menschheit glauben." Ciorans Schwanken belegt überdies sein Artikel "Siebenbürgen - ein rumänisches Preußen" (Inaltarea, 1. Januar 1941), in welchem er den 'Legionären' nahezulegen versucht, daß das multikulturelle Siebenbürgen ein Modell für die künftige Entwicklung Rumäniens darstelle, da bürgerliche Werte wichtiger wären als rassische.

Am 2. Januar 1941 läuft Cioran in Bukarest dem jüdischen Schriftsteller Mihail Sebastian über den Weg, den er aus den Tagen von Eliades "Criterion"-Kreis kennt. Sebastian wird ihn in seinem Tagebuch als "strahlend" schildern. Die gute Laune Ciorans verdankt sich der Tatsache, daß ihn Horia Sima (1906-1993), Kommandant der Legionärsbewegung, also Codreanus Nachfolger, zum Kulturattache an der rumänischen Botschaft in Vichy ernannt hat. Sebastian attestiert Cioran eine "doppelte Portion Zynismus und Feigheit". Cioran notiert später: "Um 1940 war es mein Ideal, Geld zu haben, mich in einem prächtigen Hotel niederzulassen, in mein Zimmer einen dicken und weichen Teppich legen zu lassen, mich auf diesen hinzulümmeln und zu weinen."

Nach dem Putschversuch der "Statul National Legionar" (Nationalen Legion) um Horia Sima, am 21. und 22. Januar 1941, den General Antonescu mit Hilfe deutscher Truppen niederschlagen kann, rettet Cioran seine Haut, indem er fluchtartig nach Frankreich zurückkehrt. Als prominenter "Gardist" mußte er um sein Leben bangen, da Antonescu zur Vergeltung Hunderte 'Legionäre' liquidieren ließ. Immerhin klingt es nicht nach Billigung der Massaker seiner Gesinnungsgenossen, wenn Cioran sich später dem Kommunisten Herbert (Belu) Zilber gegenüber äußert, die 'Legion' "prügele sich mit dem Land". Drei Tage lang waren die 'Legionäre' brandstiftend, plündernd und mordend - insbesondere durch die von Juden bewohnten Stadtviertel Bukarests gezogen. 120 Tote gehen auf ihr Konto. Einige von ihnen finden nach Folterungen im Schlachthof den Tod: an die an Fleischerhaken aufgehängten nackten Leichen hat man den Zettel "Koscheres Fleisch" befestigt.

Anonymous said...

Stimme der Revolte

Übersetzer Bernd Mattheus gestorben

Er war die Stimme Frankreichs in einer Zeit, da
man diese hierzulande sehr aufmerksam hörte:
Bernd Mattheus hat die Pariser Philosophen und
Theoretiker übersetzt. Das düstere Universum von
Antonin Artaud und Georges Bataille war seine
Welt. Für ihre Erkundungen der tiefsten Schichten
und an den Grenzen des Wahnsinns hat er eine
eigene Sprache geschaffen. "Ich gestatte mir die
Revolte" war der Titel eines programmatischen
Sammelbandes im Verlag Matthes & Seitz, zu dem er
einen Essay beisteuerte. Die Gegenwart ist zum
Jargon und zur Attitüde dieses
sprachphilosophischen Denkens aus Frankreich, das
die Subversion predigte, ein bisschen auf Distanz
gegangen. Aber Bernd Mattheus' umfassende
"Thanatographie" über Georges Bataille wird noch
manchen Paradigmenwechsel überleben. Vor zwei
Jahren veröffentlichte er eine Biographie des
Dichterphilosophen Émile Cioran. Sein erster
Essay über Artaud war 1977 erschienen: "Jede
Sprache ist unverständlich." Wohl eher
unfreiwillig hat er den Gegenbeweis ziemlich
erfolgreich geführt. Im Alter von sechsundfünfzig
Jahren ist Bernd Mattheus gestern in Kassel gestorben. J.A.


Text: F.A.Z., 27.06.2009, Nr. 146 / Seite 36

Anonymous said...

http://eisernekrone.blogspot.com/2009/06/zum-tod-von-bernd-mattheus-831953.html

26.06.2009

Zum Tod von Bernd Mattheus (8.3.1953 - 26.6.2009)
Im Alter von sechsundfünfzig Jahren ist Bernd Mattheus in Kassel gestorben.
Seine Werke über Antonin Artaud, Emil(e) Cioran und vor allem Georges Bataille,
sowie seine zahlreichen Übersetzungen haben einen wichtigen Grenzbereich des
deutschen Geisteslebens überhaupt erst ermöglicht.

Aus seinen "Fragmenten zur Vernunftkritik" (Der Pfahl I, 1987):
Unser vernünftiges Weltbild steht auf so schwachen Füßen, daß ein Mensch, der
scheinbar unmotiviert lacht, genügt, es ins Wanken zu bringen: Andernfalls
müssen wird en Lachenden ins Außerhalb des Wahnsinns verstoßen, um uns mitsamt
unseres Weltchens zu stabilisieren. Die Vernunft lebt von dem, was sie als
unbrauchbar oder störend AUSSCHEIDET.

Es gibt keinen vernünftigen Ausweg aus der Vernunftherrschaft. Jedes Credo muß
deshalb als ein Zeichen der Schwäche gedeutet werden. Das
vernunftüberschreitende Denken aber wird von der Vernunft als mystisches,
irrationales, verrücktes gebrandmarkt.

Gegen den Zynismus: Das nihilistische non credo ist eigentlich die Herdenmoral
geworden, die nichts Heiliges mehr anerkennt. Das non credo wie auch jedes credo
verbergen eine Schwäche.

Anonymous said...

Bernd Mattheus
aus Wikipedia

Bernd Mattheus (* 8. März 1953 in Eisenach; † 26. Juni 2009 in Kassel) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer[1] und Essayist, der bis zu seinem Tod in Kassel lebte.

Bernd Mattheus wurde bekannt mit autobiographisch inspirierten Aphorismen, deren Themen sich zwischen Sprache und Leben, Grenzerfahrungen des Denkens, Entfremdung des modernen Individuums, Revolte und Sexualität bewegen. Seine Beschäftigung mit den Werken anderer Schriftsteller gilt dabei meist radikalen Denkern und Dichterphilosophen wie Antonin Artaud, Emile Cioran und Georges Bataille.

Inhaltsverzeichnis
1 Werke
2 Literatur
3 Weblinks
4 Einzelnachweise

Werke
Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Matthes & Seitz, Berlin 2007 ISBN 978-3-88221-891-6
jede wahre sprache ist unverständlich. Essays über Artaud Matthes&Seitz, München 1977
Antonin Artaud. Leben und Werk. Matthes&Seitz, München/Berlin 1977 (Pseudonym E.Kapralik)
Über Antonin Artaud (Hrsg. mit Cathrin Pichler) Matthes&Seitz, München 2002
Georges Bataille. Eine Thanatographie. Matthes&Seitz, München 1984-1997 (3 Bde.)
heftige stille. andere notizen. Matthes&Seitz, München 1986 ISBN 3-88221-366-3
die augen öffnen sich im unklaren und schließen sich im verdunkelten. Matthes&Seitz, München 1980
Ich gestatte mir die Revolte. (Hrsg. mit Axel Matthes) Matthes&Seitz, München 1985
briefe über die sprache (mit Karl Kollmann) Matthes&Seitz, München 1978

Literatur
J. A.: Stimme der Revolte. Übersetzer Bernd Mattheus gestorben. In: FAZ Nr. 146, 27. Juni 2009, S. 36.

Anonymous said...

viel gelernt