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Porträt eines radikalen Skeptikers


Bernd Mattheus


Cioran
Porträt eines radikalen Skeptikers

448 Seiten, Abb., gebunden mit Schutzumschlag
Euro 28,90 / sFr 47,20
ISBN 978-3-88221-891-6
Oktober 2007

Der Dandy der Leere – E.M. Cioran
Cioran, der »Dandy der Leere, neben dem selbst Stoiker wie unheilbare Lebemänner wirken« (Bernard-Henri Lévy), war einer der einflußreichsten kulturkritischen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein widersprüchliches Leben ist noch nie so detailreich rekonstruiert worden wie in der vorliegenden Biografie von Bernd Mattheus. In bisweilen schmerzlicher Nähe zu den Äußerungen des Selbstmord- Theoretikers beleuchtet er auch die bislang wenig bekannte Zeit vor seiner Emigration nach Frankreich.

Emil M. Cioran, geboren 1911 im rumänischen Sibiu (Hermannstadt), studierte an der Universität Bukarest, wo er mit Mircea Eliade und Eugène Ionesco eine lebenslange Freundschaft schloß. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin emigrierte er 1937 nach Paris; seit dieser Zeit schreibt er auf französisch. Der Verfasser von stilistisch brillanten Aphorismen und Essays pessimistischster Prägung erregt schließlich mit der 1949 erschienenen Schrift »Lehre vom Zerfall« großes Aufsehen. Das Buch, das ihn international bekannt machte, wurde von Paul Celan ins Deutsche übersetzt und begründete seinen Ruf als unerbittlicher Skeptiker. Es folgen viele weitere kompromißlose Werke wie »Syllogismen der Bitterkeit« oder »Die verfehlte Schöpfung«. Bis in die späten 1980er Jahre bleibt Ciorans finanzielle Lage prekär, 1995 stirbt der Aristokrat des Zweifels und der Luzidität als gefeierter Denker in Paris.



Die vorliegende Biografie Ciorans ist die bislang gründlichste Gesamtdarstellung von Leben und Werk dieses Ausnahmedenkers. Bernd Mattheus gelingt nicht nur eine präzise Rekonstruktion Ciorans Lebens, sondern auch eine verblüffende Verlebendigung des »nach Kierkegaard einzigen Denkers von Rang, der die Einsicht unwiderruflich gemacht hat, daß keiner nach sicheren Methoden verzweifeln kann.« (Peter Sloterdijk)


Bernd Mattheus ist Verfasser der umfangreichsten Biografie Georges Batailles (Bataille-»Thanatographie« in drei Teilen), sowie einer Biografie Antonin Artauds und einer eigenen Antwort auf Ciorans Denken: »Heftige Stille«.











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Bernd Mattheus (* 8. März 1953 in Eisenach; † 26. Juni 2009 in Kassel)

from
b.mattheus@
to
JanVanBiervliet@

date

Sat, Nov 10, 2007 at 7:08 AM
subjectshort-bio cioran

Bonjour Jan,

im Anhang (word.doc) die versprochene Kurzbiographie. Kürzen Sie nach belieben(as you like it) die 2 Seiten.In meinem Buch fehlt eine solche Zusammenfassung - und manches andere auch, soca.30 Abbildungen, da der Verlag Kosten sparen wollte. Anyhow, das wird mein"Schwanengesang", d.h. mein letztes Buch gewesen sein. Wenn Sie es gelesen haben, werden Sie das vielleicht verstehen. Solche Kraftakte dankt einem niemand.

Alles Gute

B.M.



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4/16/08

Salut Jan,

il y aura une traduction de mon Cioran en roumain et en polonais.

Enfin un compte rendu à "Süddeutsche Zeitung" du 7.4.08.
Il y aura aussi une émission sur Cioran - avec quelques mots de moi part - de "Deutsche Welle", Bonn, pour la Roumanie (voir: www.dw-world.de). A l'occassion d'une soirée Cioran multimedial à Cologne (11.4.).
Pensées, bien à vous
Bernd 

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3/5/09

Salut Jan,

vorausgeschickt die Rezension des Deutschlandsfunks zu Hermann Burger. Cioran traf diesen mit Simone, F. Thoma et al. in Sils Maria 1981. Die Perfidie Burgers besteht darin, daß er Cioran einen Akzent unterstellt, den er nicht hatte! Ich kann es beschwören. Entdeckte diese Gemeinheit erst nach der Veröffentlichung meines Buchs.


Inzwischen gibt es die polnische Übersetzung meines "Portraits" bei Wydawnictwo KR, Warschau 2008 - leider ohne die umfangreiche Bibliographie und die Abbildungen im Original. Die rumänische Lizenzausgabe folgt hoffentlich bald.


Angehängt hier noch die Rezension Rodica Binders (audio, ca. 7 min.), die von der Deutschen Welle, Bonn, rumänisches Programm, am 4.5.08 gesendet wurde (ich antworte auf die Fragen der Journalistin auf deutsch). Eventuell für die rumänische Site interessant?


Beste Grüße

Bernd Mattheus

34123 Kassel



16 comments:

  1. S. 78 ff - Teil 1

    Der schlaflose Agitator

    In dieser Situation, d. h. Seit Oktober 1933, befindet sich Cioran gemeinsam mit dem Soziologen Anton Golopentia (1909-1951) in Berlin. Unter dem Vorwand, seine Promotion in Psychologie vorzubereiten, hat sich der stellungslose Studienrat für Philosophie erfolgreich um ein Stipendium der Humboldt-Stiftung beworben. An der Friedrich-Wilhelms-Universität belegt er Soziologie, Religionsphilosophie und Kunstgeschichte, vor allem aber hört er Nicolai Hartmann über Metaphysik.

    Im Selbstgespräch seiner "Cahiers" erinnert sich Cioran drei Jahrzehnte später zuerst an seine mentale Ausnahmesituation, um seine politische Publizistik unerwähnt zu lassen: "Ich habe dort das Leben eines Irren, eines Wahnsinnigen geführt, in einer fast totalen Einsamkeit. Wenn ich nur den Mut oder das Talent hätte, den Alptraum heraufzubeschwören! (…) Es ist das negative summum meines Lebens."

    Aus dem Studentenwohnheim in der Schumannstraße schreibt er am 15. November an Eliade: "Ich fühle mich in Berlin sehr wohl und bin sogar von der hier herrschenden politischen Ordnung begeistert." Derselbe politische Tenor findet sich in seinen Briefen vom Dezember 1933 an Nicolae Tatu wieder, dem er schreibt: "Nur eine Diktatur kann mich noch erwärmen, Menschen verdienen keine Freiheit." Nicolae Argintescu-Amza bestärke ihn in seinem Antisemitismus. Gleichzeitig erfahren wir etwas über seinen Alltag. Obwohl sich die Freunde Petre Tutea und Sorin Pavel ebenfalls in Berlin befinden, lebt er sehr zurückgezogen und geht offenbar nicht aus, sondern hört dafür Musik in seinem Zimmer. Andererseits weiß er von sympathischen Deutschen zu berichten, um hervorzuheben, daß die Frauen in Berlin zugänglicher seien als in Bukarest. Petru Comarnescu gegenüber bekennt er am 27. Dezember 1933 : "Einige unserer Freunde meinen, daß ich aus Opportunismus Hitleranhänger geworden bin. Um Dir die Wahrheit zu sagen: es gibt hier Dinge, die mir gefallen und ich bin mir gewiß, daß es einer Diktatur gelingen würde, unseren autochthonen Marasmus zu besiegen." Diametral entgegengesetzt die Eindrücke Antonin Artauds, der sich in diesen Jahren mehrmals zu Dreharbeiten in Berlin aufhielt.

    Kaum in Berlin eingerichtet, entfaltet er in der Bukarester Wochenschrift Vremea seine polemischen Talente. So wertet er Nicolai Hartmann, das Musterbeispiel für akademisches Philosophieren, gnadenlos ab. Im Vergleich zu Heidegger oder Klages gebreche es diesem an Prophetismus und existentiellem Pathos. In seiner Eloge auf Ludwig Klages heißt es dagegen: "Klages, mit seinem Aussehen eines protestantischen Pastors und dem Temperament eines Kondottieres, überschäumend, aufbrausend, redegewandt und prophetisch, geheimnisvoll und gleichzeitig gelehrt, ist der gelungenste Mensch, dem ich bisher begegnet bin. Dieser Mann gleicht einem Zauberer und sein Charme ist unwiderstehlich. Der 'Kosmiker' war Privatgelehrter und zu keiner Zeit ordentlicher Professor. Die Verknüpfung von heidnischer Mystik mit biologistischer Metaphysik, Kulturkritik und Lebensphilosophie dürfte Cioran bestochen haben. Nur, der glänzende Rhetoriker und Dandy Klages kam auch nicht ohne einschlägige rassistische Infamien aus, die er seit der Jahrhundertwende formulierte: der Jude sei der "Vampyr der Menschheit", "die Lüge selbst", der Jude sei "überhaupt kein Mensch".

    Cioran hatte schon vorher mit Begeisterung Heideggers "Sein und Zeit" gelesen. Er sieht die "Enthüllungen über den Tod und das Nichts" der Philosophie Heideggers in Ferdinand Bruckners Stück "Krankheit der Jugend" (1926) als dramatisches Äquivalent (Gindirea, vom Dezember 1932). Erst im Abstand der Jahre wird sich Cioran entschieden von der Verbalmagie Heideggers distanzieren: "Die Faszination, die die Sprache ausübt, erklärt meiner Meinung nach den Erfolg Heideggers. Er ist ein Manipulator ohnegleichen; sein Verbalgenie ist außergewöhnlich, aber er treibt es zu weit, er räumt der Sprache eine schwindelerregende Bedeutung ein. (…) Die Nichtigkeit einer solchen Übung sprang mir in die Augen. Ich hatte den Eindruck, man wolle mich täuschen mit all den Worten."

    In der Weihnachtsausgabe 1933 von Vremea nimmt der 'Auslandskorrespondent' Cioran zum Thema "Deutschland und Frankreich oder die Friedensillusion" Stellung. Die These von zwei unterschiedlichen, gänzlich unversöhnlichen Kulturen gipfelt in einer Apologie des 'Führers'. Die deutsche Seele, der deutsche Charakter, als mystisch und tragisch apostrophiert, wird ausgespielt gegen die vernunftbetonte französische Kultur des Stils. Vermittle der Führerkult den Deutschen nicht ein Sicherheitsgefühl, das der Gewißheit vergleichbar sei, ein großartiges Schicksal zu haben? "Ich liebe die Anhänger Hitlers wegen ihres Kults des Irrationalen, ihres exaltierten Vitalismus an sich, einer Virilität ohne jeglichen kritischen Geist, ohne Rücksicht und ohne Kontrolle." Zwar ahnt er die "unendliche Tragödie", die aus dem Kult des Irrationalen, der Verherrlichung der Lebenskraft resultieren könnte: entspricht dieser NS-Kult aber nicht seiner zeitweiligen Diskreditierung des "Kults der Wahrheit", dieser "Pubertätsmacke" oder dem "Symptom von Senilität"?

    Abgesehen vom anti-intellektuellen Affekt, den die Hitlerei bestärkt, quält Cioran Rumäniens historische Bedeutungslosigkeit. Man ersetze Hitler durch Codreanu und Deutschland durch Rumänien in seinem Text. Wie wird ein Land vom Objekt zum Motor der Geschichte? In seinem mit "Romania in fata strainatatii" (Rumänien von außen betrachtet) überschriebenen Artikel vom April 1934 macht Cioran seinen Landsleuten deren sklavische Natur bewußt. Ganz im Gegensatz zum angemaßten Herrenrasse-Status der Nazis geißelt er die "untermenschliche Feigheit" des Rumänen: "Es ist nicht möglich, mit einem solchen Menschenmaterial eine einzige maßlose Hoffnung zu hegen. Aber aus Neigung und Geschmack habe ich stets die Maßlosigkeit gesucht und geschätzt", wird er noch 1970 schreiben. 1934 empfiehlt er den Knechten einer "französischen Kolonie", sich zumindest zu einem Macht-Kultus aufzuraffen. Seine praktischen Vorschläge zur gänzlichen Veränderung des Antlitzes Rumäniens lauten: rasche Industrialisierung, Verdoppelung der Bevölkerung. Zynismus der Geschichte: es wird dies mehr oder weniger das Programm der Kommunisten sein, nach dem Zweiten Weltkrieg, mit den bekannten katastrophalen Folgen.


    "Mein Nationalismus, Militarismus"

    Fotos aus der Zeit zeigen einen elegant gekleideten jungen Mann von kleiner Statur, der auch einmal eine Vorlesung beim Psychiater Karl Bonhoeffer in der Charite besucht. Der von Lombroso, dann von Wilhelm Lange-Eichbaum konstruierte Zusammenhang von Genie, Wahnsinn und Verbrechen treibt ihn um. Aber nicht etwa, um den Nazismus zu verstehen, sondern sich selbst, unterstelle ich, denn weiterhin plagen ihn Phasen extremer Schlaflosigkeit, die auf seine Depressivität hinweisen. Noch 1965 erinnert er sich an die Falldemonstration bei Bonhoeffer in Berlin, weil er sich mit der Verweigerungshaltung des internierten Studienobjekts identifiziert: "Ich will meine Ruhe haben."

    Kaum vereinbar mit dem Elan des Pamphletisten wirkt es, wenn er den Studienaufenthalt im 'Reich' "die düsterste Zeit meines Lebens (auch die anregendste)" nennt oder an anderer Stelle detailliert eine ekstatische Erfahrung gerade in Berlin schildert. Im Brief an Nicolae Tatu vom 28. Januar 1934 heißt es, daß er keinen Gedanken mehr an eine akademische Karriere verschwende. Vielmehr stellt er sich seine Zukunft als Musikkritiker vor. Seiner Ansicht nach hätten die Deutschen große Hoffnung in die "Eiserne Garde" gesetzt.

    Im April 1934 schreibt sich der Student der Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ein, wo er u. a.
    Vorlesungen des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin besucht, der seinerseits Ludwig Klages schätzt.

    In seinen "Eindrücken aus München. Hitler im deutschen Bewußtsein", abgedruckt in Vremea vom 15. Juli 1934 , preist Cioran seinen Landsleuten abermals Hitler als Vorbild an: "Hitler hat die politischen Kämpfe mit glühender Leidenschaft erfüllt und mit messianischem Hauch eine Gesamtheit von Werten dynamisiert, die vom demokratischen Rationalismus zu Plattheiten und Trivialitäten erniedrigt worden waren. Wir alle brauchen Mystik, weil wir der vielen angeblichen Wahrheiten müde sind, die kein Feuer hervorbringen. (…) Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mehr Sympathie und Bewunderung in mir hervorruft als Adolf Hitler. (…) Der Führer-Mystizismus ist voll gerechtfertigt, es ist Hitlers Leistung, daß er den kritischen Geist einer ganzen Nation ausgemerzt hat." Während der Semesterferien (Juli-Oktober) hält er sich in Rumänien auf.

    In seinem Artikel vom 5. August 1934 ergreift er Partei für den nationalsozialistischen Wertekanon, indem er den Humanismus als "Illusion", den Pazifismus als "politische Masturbation", Werte an sich als "Absurdität" und Freiheit für alle als demokratische Illusion, ein "beschämendes Vorurteil" denunziert. In Ciorans Augen entspricht "anarchistischer Optimismus" nicht der menschlichen Natur, um so mehr müsse alles dem Sieg der 'Bewegung' subordiniert werden. Folglich kann er auch die blutige Niederschlagung des Röhm-Putsches begrüßen: "Ich frage alle, was verliert die Menschheit, wenn einigen Dummköpfen das Leben genommen wird (…). Das Leben solcher Leute zu beenden, das Blut solcher Kreaturen zu vergießen, ist Pflicht. Oh, dieses Vorurteil vom Wert eines Menschenlebens an sich! Wert an sich! So etwas ist reine Feigheit!" Immerhin gesteht er zu, daß es ein Verbrechen wäre, einen Richard Strauss, einen Furtwängler oder Klages zu ermorden, nicht aber das Dasein von Individuen zu beenden, die lediglich ihren Willen zur Macht nicht befriedigen konnten.

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  2. Leseprobe zu Bernd Mattheus: Cioran. Teil 2
    01.10.2007.

    Cioran bedient sich hier der Rhetorik des Totalitarismus aller Zeiten, welcher die Unterwerfung des Individuums unter das kollektive Ziel der vermeintlich besseren neuen Ordnung fordert. Sicher konnte er nicht die Zeit der Kzs noch jene der sowjetischen GULags vorhersehen, aber die Terreur der Französischen Revolution mußte ihm geläufig sein. Wenn sich Denker politisch vereinnahmen lassen, geht es selten gut aus. Sartre, der fast zeitgleich mit Cioran in Berlin weilte, um sich in Husserl und Heidegger zu vertiefen, wird später die stalinistischen Schauprozesse rechtfertigen, weil sie der Utopie dienen - ganz zu schweigen vom Konformismus des Parteigenossen Martin Heidegger.

    Im fortgeschrittenen Alter wird Cioran seine fehlende Luzidität als pathologisch bezeichnen: "Meine krankhafte Bewunderung für Deutschland hat mir mein ganzes Leben vergiftet. Es ist der schlimmste Irrsinn meiner Jugend. Wie konnte ich einer im Grunde so wenig interessanten Nation einen Kult widmen? Äußerst starrköpfige, mittelmäßige Menschen ohne die geringste geistige Unabhängigkeit. (…) Wenn ich von einer Krankheit geheilt bin, dann von dieser. Wenn ich sie eines Tages im Detail beschreiben würde, und wie ich sie gelebt habe, würde man mich in einer Irrenanstalt einsperren, man würde mich bestrafen, weil ich verrückt gewesen bin."

    Der pseudoreligiöse Aspekt des Faschismus erschließt sich Cioran, wenn er im Selbstgespräch seiner Tagebücher 1966 notieren wird: "Um 1934 befand ich mich in München. Ich lebte dort in einer Anspannung, die mich sogar jetzt, wenn ich daran denke, zittern läßt. Es schien mir damals so, daß nicht viel fehlte und ich eine Religion gestiftet hätte, und diese Eventualität flößte mir den allergrößten Schrecken ein." Zur Entspannung liest er im Englischen Garten Proust.

    Von München aus besucht er Bayreuth. Sein Eindruck besteht aus einer "Mischung aus Stupidität und Erhabenheit (sehr deutsch)" . Entscheidender werden die vier Wochen in Paris sein, eine Erfahrung, die er als "Liebe auf den ersten Blick" zusammenfassen wird. Von der Schmähung der Kolonisatoren Rumäniens zur frankophilen Begeisterung: solche Schwankungen bestimmen das Temperament des jungen Cioran, insbesondere aber das des Journalisten.

    1935 finden wir Cioran wieder in Berlin, wo er sich, angeregt durch Eliades Vorträge in Bukarest, in Buddhismus-Lektüren vertieft, um sich "vom Hitlertum nicht vergiften oder anstekken zu lassen". Zunächst bedeutet dies nichts weiter, als daß er eine Anthologie rezipiert, während er sich gleichzeitig betrinkt.

    In Vremea vom 17. Februar 9 polemisiert er abermals "Für ein anderes Rumänien". Er entflammt für Extremisten, mögen diese nun den Namen Hitler oder Lenin tragen, da diese imstande seien, Geschichte zu machen und die "Mystik einer allgemeinen Mobilmachung" zu verwirklichen. "Rumänien wird nur unter der Bedingung in der Geschichte weiterbestehen, daß diesem Land von Schlitzohren, Skeptikern und Resignierten ein spartanischer Geist eingehaucht wird." Selbst die Hitlerjugend begeistert ihn als eine Organisation, die den Deutschen ab dem Alter von fünf Jahren (!) Parteimitglied werden lasse.

    Der politisierte Denker grenzt sich, weil er Gesetzgeber sein will, nun sogar von den Skeptikern ab. Seinem Bruder Aurel rät er von Berlin aus zu einer vita activa, als er erfährt, daß dieser Theologie studiert. In einem Brief vom 31. März 1935 warnt er ihn, in seine Fußstapfen zu treten, "denn es sind Spuren, die nicht verschwinden, sondern Dich verfolgen". Weiter heißt es: "Laß, wenn Du kannst, Dein Innenleben beiseite, denn wenn Du Dich maßvoll darin vertiefst, hat es keine Bedeutung, und wenn Du es bis zum Höhepunkt gebracht hast, wird das Innenleben Dich zerstören. (…) Die Tat als Selbstzweck stellt das einzige Mittel dar, sich ins Leben zu reintegrieren. (…) Die Politik, die große Politik ist der Wissenschaft weit überlegen. Die einzige Art und Weise, den Abgründen der Innerlichkeit zu entkommen, besteht darin, einen anderen Weg einzuschlagen, der sich wesentlich unterscheidet." Aurel Cioran wird dann der "Garde" Codreanus beitreten.

    Im April 1935 weilt Cioran abermals in München und besucht seinen Freund Bucur Tincu, der dort als Stipendiat lebt. Dresden besucht er im Juni, auch weil hier Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" entstand.

    Im August 1935 frequentiert Mircea Eliade die Berliner Staatsbibliothek, um dort die Bibliographie seiner Dissertation über den "Yoga" auf den neuesten Stand zu bringen. Wie um die political correctness avant la lettre vorwegzunehmen, mokiert er sich in seinen Memoiren über die Allgegenwart des Nazismus und erklärt originellerweise, sich dem Anblick von Braun- und Schwarzhemden sowie der Hakenkreuzfahne konsequent entzogen zu haben, indem er nur nachts ausgegangen sei! Nach der Lektüre der "Yoga"-Studie erklärt Cioran später dem Autor apodiktisch, dem "einfachsten Bolschewiken oder Hitleranhänger näher zu sein als der Meditationstechnik".

    Nach Rumänien zurückgekehrt (Juli 1935) ist Cioran genötigt, Ende 1935 bis Anfang 1936 seinen Militärdienst abzuleisten.
    Er veröffentlicht Politisches wie auch Philosophisches in Actiunea (Aktion), einem in Sibiu erscheinenden Blatt. Während dieser Zeit vollzieht er eine erste Distanzierung von der "Eisernen Garde", denn am 9. Dezember 1935 schreibt er aus Sibiu an Eliade: "Ich habe endgültig darauf verzichtet, mich aktiv politisch zu betätigen. Obwohl ich den Eindruck habe, die Politik recht gut zu verstehen, würde ich darunter leiden, mich mein Leben lang zu einem ganz äußerlichen Ruhm verurteilt zu wissen, und im übrigen findet kein politischer Wert meine letzte Zustimmung. (…) Der Unterschied zwischen mir und unseren Nationalisten ist so groß, daß meine Tätigkeit sie nur verwirren könnte. Mit den Nationalisten teile ich nur das Interesse an Rumänien. Kannst Du Dir vorstellen, daß man eine reaktionäre Mentalität reformieren könnte?" Er könne keine militanten Artikel mehr schreiben, aber auch kein Pazifist werden. Alles in allem verabscheue er die Welt: "Wenn es keine Religion und Musik gäbe, würde ich Bordellaufseher werden."

    Am 12. April 1936, den 1. Osterfeiertag, besucht er in Begleitung von Jeni und Arsavir Acterian eine Bukarester Irrenanstalt.

    Als im Dezember 1936 sein Pamphlet "Schimbarea la fata a Romaniei" im Verlag seiner Hauszeitschrift Vremea erscheint, wirkt Cioran als Studienrat für Philosophie am "Andrei Saguna"- Gymnasium von Brasov. Unterdessen schreitet die "Garde" zu öffentlichen Bücherverbrennungen, wenn sie nicht gerade marschiert, Angst und Schrecken verbreitet oder die eigenen Reihen von Verrätern säubert.

    "Die Verklärung Rumäniens" - die deutsche Übersetzung des Titels schlug der Autor selbst vor - meint weniger Glorifizierung denn Appell zu einem Gesichtswandel des Landes, zum Aufstand der rumänischen Volksseele: "Die Fanatisierung Rumäniens ist die Verklärung Rumäniens. (…) Ich kann nur ein Rumänien lieben, das sich im Fieberwahn befindet. (…) Ich träume von einem Rumänien, das das Schicksal Frankreichs und die Bevölkerung Chinas hätte." Cioran imaginiert ein Rumänien, das selbst Maßstab, identisch mit unbezweifelbaren Werten wäre. Jene prophetische Nation, lautet seine megalomanische Utopie, soll einst zur Stellvertreterin der ganzen Menschheit werden. Ein Größenwahn, der im wesentlichen der Abwehr eines verinnerlichten Minderwertigkeitskomplexes dient, denn Jahrzehnte darauf wird er noch bekennen: "Ich haßte die Meinen, mein Land, die zeitlosen Bauern, die ihren Stumpfsinn über alles stellen, geradezu berstend vor Erstarrung, ich schämte mich, von ihnen abzustammen, verleugnete sie, ich verweigerte mich ihrer negativen Ewigkeit, ihrem versteinerten Lemurendenken, ihrem geologischen Halbschlaf. Vergebens suchte ich in ihren Zügen die flackernde Grimasse der Revolte: in ihnen, ach! Kaum eine Spur vom Affen."


    Der die Mittel heiligende Zweck

    "Die Verklärung Rumäniens" feiert deshalb denn auch den Arbeiter-Souverän. Analog zu Ernst Jünger hat man sich den Arbeiter als "akosmisches Wesen", einen neuen Menschentyp vorzustellen, wohingegen vom Bauern allenfalls der Eintritt in die Weltgeschichte durch die Hintertür erwartet wird. "Alle Mittel sind legitim, wenn sich ein Volk einen Weg in die Welt bahnt. Terror, Verbrechen, Bestialität und Perfidie sind nur in der Dekadenz niedrig und unmoralisch nur, wenn sie der Inhaltsleere zu Hilfe kommen; wenn sie dagegen dem Aufstieg eines Volkes helfen, verwandeln sie sich in Tugenden. Alle Siege sind moralisch."

    Was Ciorans antisemitische Tiraden angeht, so greift er auf tradierte Klischees zurück. Der Jude steht für Materialismus, "Vampirismus", "ekelhafte Melancholie und abstoßende Ironien, die in der Dunkelheit des Gettos entstanden". Der Jude sei nicht unser "alter ego, unser Nächster", behauptet er: "Der Jude ist nicht wie wir unser Nachbar (…), wie vertraut wir mit ihm auch werden können, es ist, als stammten wir von einer anderen Affenart ab. (…) Wir können ihm nicht als Mensch begegnen, weil der Jude zuerst Jude ist und dann ein Mensch." Das sind fast wörtliche Klages-Zitate. Der Rassismus des 'Kosmikers' liegt wie Mehltau auf einem Werk, das sogar Walter Benjamin inspirierte.

    Bei Cioran kommen die Ungarn, die größte Minderheit im Land, kaum besser weg. Spürbar ist die den Autor aufreibende Ambivalenz zwischen der Absicht zur Herabsetzung und der Angst vor - womöglich überschätzter - geistiger Überlegenheit, bestätigt er doch, daß die Juden das "intelligenteste, begabteste und hochmütigste Volk" der Welt seien. Schließlich erklärt er die Überfremdung zum Menetekel: "Ein gesunder nationaler Körper beweist seine Lebenskraft durch den Kampf gegen die Juden, vor allem, wenn diese durch ihre Anzahl und ihre Unverschämtheit ein Volk überfluten. (…) die Juden, die durch die Geschichte die Obskuritäten des Gettos mit sich schleppen und dessen ekelhafte Trauer und abstoßende Ironien in sich führen, was sie längst aus der Natur ausgestoßen hat, sie aber weiterhin abschreckend in der Geschichte bewahrt." Konkret ergeht an das Volk Israels der Vorwurf, "Verräter", "Todfeinde" des Nationalgedankens zu sein. Denn als Entwurzelten diene den Juden die Religion, entbehre sie auch der "Transzendenz", als Heimat- ersatz: "Ich kritisiere insbesondere das Judentum der Nachkriegszeit.
    Hat es sich nicht allen Bemühungen widersetzt, unser Land zu erneuern? Die Juden haben aus ein paar Verrückten und Degenerierten, denen es gelang, eine bereits korrumpierte Demokratie in Mißkredit zu bringen, ihr Herrschaftsinstrument gemacht und so auf nicht wiedergutzumachende Weise das ganze Land geschmäht. (…) Wir müssen endgültig begreifen, daß die Juden kein Interesse daran haben, in einem starken und selbstbewußten Rumänien zu leben."

    Daß Cioran die bewährte Sündenbock-Rhetorik nicht bruchlos übernimmt, entkräftet nicht die Vehemenz seiner rassistischen Sophismen, aber mehrmals hebt er hervor, daß die Juden "keineswegs für unser Elend, unser altes Elend verantwortlich" sind. "Der Antisemitismus ist weder imstande, die nationalen noch die sozialen Probleme eines Volkes zu lösen. Das sind nichts weiter als Fragen der Reinigung. Unsere angeborenen Laster bleiben seit allen Zeiten dieselben." "Das Problem Rumäniens wäre nicht weniger ernst, wenn wir alle Fremden beseitigen würden. Es würde nur erst beginnen. Es ist evident, daß die Fremden neutralisiert werden müssen; aber es kann nicht die hauptsächliche Mission unseres Nationalismus darstellen, denn wenn wir uns zu lange von dieser Aufgabe blenden ließen, würden wir unsere eigene Wirklichkeit und unser Elend nicht mehr sehen."

    Marta Petreu weist nach, wie sehr Cioran von Eugen Lovinescus pro-westlicher Haltung beeinflußt war. Obwohl er den Essayisten persönlich kannte, zitiert ihn Cioran nicht, um die Originalität seiner eigenen Ausführungen nicht zu schmälern.

    Ciorans Kampfschrift, von Vladimir Tismaneanu als eines der "wichtigsten Manifeste des europäischen Faschismus in seiner 'nationalbolschewistischen' Version" bezeichnet, enthält trotz seiner Kruditäten und tradierten Ressentiments gewissermaßen auch den Schlüssel zum Verständnis dieser verbalen Paroxysmen. Es ist der Minderwertigkeitskomplex kleiner Nationen, begleitet von Paranoia. Angelehnt an den vom jüdischen Philosophen Theodor Lessing konstatierten "jüdischen Selbsthaß", der sich bei Otto Weininger als Misogynie manifestierte, könnte man meinen, daß Cioran den rumänischen Selbsthaß geißelt, wenn er schreibt: "Wie könnte unser elendes Volk das unbändigste ethnische Phänomen der Geschichte verarbeiten? (…) Die jüdische Vitalität ist so aggressiv und seine Gier so beharrlich, daß unsere Toleranz hinsichtlich dieses fleißigen und ausbeuterischen Volkes uns mit Sicherheit in den Ruin führen würde. Was weiß denn das rumänische Volk im Vergleich zum jüdischen? Ich bin überzeugt, daß die Juden, ließen wir ihnen völlige Freiheit, in weniger als einem Jahr sogar den Namen unseres Landes ändern würden. Alles in allem müssen wir einsehen, wenn auch betrübt, daß der Antisemitismus immer nur die größte Ehrbezeugung gegenüber den Juden gewesen ist." Capitan Codreanu bedankt sich beim Autor persönlich für das Buch, gratuliert ihm und schließt sich dem Wunsch an, "daß dieses Volk seine Zwergentracht ablegt, um eine Weltreichstracht anzulegen". Der Brief ist gezeichnet mit der Floskel: "Ein Kämpfer für die Zukunft Rumäniens schüttelt Ihnen die Hand."

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  3. Leseprobe zu Bernd Mattheus: Cioran. Teil 3
    01.10.2007.

    In welchem Maße der Cioran jener Jahre mehrere Personen in einer zu sein scheint, belegt die Tatsache, daß er gleichzeitig zu der "Verklärung Rumäniens" in seiner Aphorismensammlung "Das Buch der Täuschungen" schreibt: "Ein Volk, das nicht glaubt, ein Monopol auf die Wahrheit zu haben, wird keinerlei Spuren in der Geschichte hinterlassen." Im selben Fragment aber auch: "Ich kenne nur zwei Zerreißungen: die jüdische und die russische (Hiob und Dostoevskij)." Vollends aporetisch wird es, wenn der Autor weiter unten bekennt: "Abscheu gegen alles Erhabene, Gute, Wahre und Schöne. Wenn du bedenkst, daß im Namen dieser Werte oder Hirngespinste Kriege geführt, gedankliche Systeme geschaffen wurden und daß durch sie die Geschichte gerechtfertigt wird!" Gleichzeitig postuliert Cioran den Willen zur Macht, nämlich daß der Mensch "nur darauf aus [ist], entweder Gott oder Politiker zu werden".

    Noch weniger vereinbar mit seiner ultranationalistischen Publizistik wirkt seine intensive Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik, woraus 1937 das Buch "Lacrimi si sfinti" (Von Tränen und von Heiligen) hervorgehen wird. Cioran ist nicht gläubig, gerade weil er der Sohn eines Popen ist und ihn die Extremisten und Zweifler faszinieren. Die stramme Orthodoxie, zu der sich die "Eiserne Garde" bekennt, ist daher eigentlich nicht seine Welt. Rückblickend heißt es über diese Lebensphase: "In dem Alter, da ich (…) 'Cartea amãgirilor' schrieb (…), lebte ich so intensiv, daß ich im Wortsinne befürchtete, als Religionsstifter zu enden… In Berlin und in München habe ich häufig Ekstasen erlebt - die für immer die Gipfel meines Lebens bleiben werden." "Wenn ich daran denke, daß ich 1934 in München mit einer solchen Intensität lebte, daß ich zu dem Schluß kam, auf dem Balkan würde eine neue Religion zum Vorschein kommen, so sehr verlieh mir mein Fieber Selbstvertrauen. Ein Vertrauen, das mich ängstigte, denn ich glaubte nicht, daß ich eine derartige Anspannung noch länger ertragen könnte."

    So wird Cioran von den Polen Mystik und Macht gleichermaßen angezogen, wenn er gesteht: "In meiner Jugend strebte ich das Tamtam an, ich wollte, daß man von mir spricht, ich wollte Einfluß haben, mächtig sein, beneidet werden, es gefiel mir, aggressiv zu sein, die Leute zu demütigen etc., etc."


    1937 hat sich Codreanus "Eiserne Garde" in die Partei "Totul pentru Tara" (Alles für das Land) umbenannt, ist nun eine von mehreren rechten Organisationen, die 250000 Mitglieder zählt und bei den Wahlen vom 20. Dezember 1937 eine halbe Million Stimmen gewinnen wird, somit die drittstärkste Partei darstellt.

    In einem am 21. Februar 1937 in Vremea gedruckten Artikel über Hitler-Deutschland, "Am Vortag der Diktatur", betrachtet Cioran kritisch die Verwandlung eines ganzen Volkes in einen "fanatischen Wald" und vergleicht die Begeisterung der Deutschen für die Ziele des 'Führers' mit einer "Wollust am Niederknien ", einer seltsamen "Unterwerfungswut". Diese angebrachte Ironie wendet er indes nicht auf Rumänien an, im Gegenteil: "In unserem Land wird buchstäblich nach der Diktatur gerufen, es herrscht ein unbändiger Haß auf die unnötige Freiheit. (…) Deshalb soll die Diktatur errichtet werden", proklamiert Cioran in der März-Ausgabe von Vremea. "Verzicht auf die Freiheit", sein Beitrag vom 21. Juli 1937 in dieser Zeitschrift, könnte eine Art Glosse zu Georges Batailles Analyse "La structure psychologique du Fascisme" (Die psychologische Struktur des Faschismus, 1933) sein. Die wahrgenommene unbewußte Komplizenschaft zwischen Opfer und Henker veranlaßt ihn allerdings nicht dazu, vor dem 'Mussolini Rumäniens' zu warnen. Im Gegenteil, Cioran begrüßt die vermeintliche Sehnsucht der Massen nach Knechtschaft oder nur Abhängigkeit: "Seit es die Welt gibt, haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und immer frohlockt, wenn sie sie verloren haben. (…) Die Sterblichen haben immer nur jene angebetet, von denen sie in Ketten gelegt wurden. Wen haben sie zum Mythos erhoben? Die Henker ihrer Freiheit. (…) Jeder Diktator hat eine messianische Henkerseele, die mit Blut und Himmel beschmutzt ist. Die Masse verlangt danach, daß sie befehligt wird. Die sublimsten Visionen, die von Engelsflöten verströmten Ekstasen vermögen nicht so zu begeistern wie ein Militärmarsch. Adam war ein Feldwebel."

    Im Juni desselben Jahres bewarb sich Cioran beim Bukarester Institut francais um ein Paris-Stipendium, indem er fingiert, eine Dissertation über Henri Bergson schreiben zu wollen. Auch dies gehört zu den zahlreichen Ungereimtheiten in Ciorans Vita. Im April 1937 hatte er von Brasov aus Mircea Eliade gefragt: "Was soll ich hier tun? Von dem Moment an, wo ich mich nicht aktiv in die nationalistische Bewegung integrieren kann, bin ich in Rumänien nicht von praktischem Nutzen."

    Im "Mittelpunkt der Welt", der für ihn Paris darstellt, einmal niedergelassen, wird er im Brief vom 13. Dezember 1937 an Eliade seine Ansicht bekräftigen, Rumänien könne sich "vor dem Westen nur durch eine Revolution von rechts behaupten. Mehr denn je bin ich davon überzeugt, daß Rumäniens letzte Chance die Eiserne Garde ist… Jede Geste, die die Lunte an die Demokratie in Rumänien legt, ist ein kreativer Akt."

    Spielte Cioran mit dem Gedanken, wieder in Rumänien zu leben, d. h. In einem künftigen Legionärs-Staat, als er im Winter 1940 nach Bukarest reist? Mitnichten, er will lediglich Fragen zu seinem Militärdienst klären (einem eventuellen Stellungsbefehl vorbeugen).

    1940 veröffentlicht er als Privatdruck in Sibiu die Aphorismensammlung "Amurgul gindurilor" (Gedankendämmerung) und 1941 kommt die zweite Auflage seiner "Verklärung Rumäniens" heraus. Politisch erwartet ihn eine Militärdiktatur unter dem Conducator (Führer) Ion Antonescu, der im Herbst König Carol II. Zugunsten seines Sohnes Mihai zur Abdankung genötigt hatte. Im Radio Bukarest liest Cioran am 27. November 1941 eine flammende Rede zum zweiten Todestag des Capitans Codreanu, der während der sog. 'Königsdiktatur' Carol II. Am 30. November 1938 ermordet wurde: "Er hat einer Sklaven-Nation Ehre eingehaucht; er hat einem rückgratlosen Haufen den Sinn für Ehre wiedergegeben. (…) Vor Corneliu Codreanu war Rumänien eine bevölkerte Sahara. Diejenigen, die sich zwischen Himmel und Erde befanden, hatten keinen anderen Lebensinhalt als das Abwarten. Jemand mußte kommen. (…) Er wollte nicht das Elend unserer Existenz verbessern, sondern das Absolute in den täglichen Atem Rumäniens einführen. (…) Der Hauptmann hat den Rumänen einen Sinn gegeben. Vor ihm war der Rumäne nur Rumäne, also eine aus Erstarrung und Wehmut bestehende Materie. Der Legionär ist eine Rumäne mit Substanz.
    (…) Seine [Codreanus] Lösungen sind gültig im Jetzt und in der Ewigkeit. Die Geschichte kennt keinen Visionär mit stärkerem Geist und so viel Weltkenntnis, gestützt auf eine heilige Seele. (…) Der Glaube eines Menschen hat eine Welt erschaffen, die die antike Tragödie und Shakespeare hinter sich läßt. Und das auf dem Balkan! Jedenfalls würde ich, wenn ich zwischen Rumänien und dem Hauptmann wählen müßte, keinen Augenblick zögern. Nach seinem Tod haben wir uns alle einsamer gefühlt. Außer Jesus war kein Toter gegenwärtiger unter den Lebenden. (…) Von jetzt an wird das Land von einem Toten regiert werden, sagte mir ein Freund an den Ufern der Seine. Dieser Tote hat ein Parfüm der Ewigkeit über unsere menschliche Spreu verbreitet und den Himmel über Rumänien wiederhergestellt."

    Cioran erliegt hier dem Führerkult, den er 1937 in bezug auf Hitler als "kollektiven Wahn" qualifiziert hatte, gegen den er eine "Buddhismus-Kur" empfahl. Eines Tages wird der ernüchterte Denker notieren, was auch für diese seine Apologie eines mystischen Revolutionärs gilt: "Wenn die Menschheit dermaßen die Retter liebt, Verrückte, die sich eine Sendung anmaßen und die fanatisch an sich selbst glauben, so deshalb, weil sie sich vorstellt, daß diese an die Menschheit glauben." Ciorans Schwanken belegt überdies sein Artikel "Siebenbürgen - ein rumänisches Preußen" (Inaltarea, 1. Januar 1941), in welchem er den 'Legionären' nahezulegen versucht, daß das multikulturelle Siebenbürgen ein Modell für die künftige Entwicklung Rumäniens darstelle, da bürgerliche Werte wichtiger wären als rassische.

    Am 2. Januar 1941 läuft Cioran in Bukarest dem jüdischen Schriftsteller Mihail Sebastian über den Weg, den er aus den Tagen von Eliades "Criterion"-Kreis kennt. Sebastian wird ihn in seinem Tagebuch als "strahlend" schildern. Die gute Laune Ciorans verdankt sich der Tatsache, daß ihn Horia Sima (1906-1993), Kommandant der Legionärsbewegung, also Codreanus Nachfolger, zum Kulturattache an der rumänischen Botschaft in Vichy ernannt hat. Sebastian attestiert Cioran eine "doppelte Portion Zynismus und Feigheit". Cioran notiert später: "Um 1940 war es mein Ideal, Geld zu haben, mich in einem prächtigen Hotel niederzulassen, in mein Zimmer einen dicken und weichen Teppich legen zu lassen, mich auf diesen hinzulümmeln und zu weinen."

    Nach dem Putschversuch der "Statul National Legionar" (Nationalen Legion) um Horia Sima, am 21. und 22. Januar 1941, den General Antonescu mit Hilfe deutscher Truppen niederschlagen kann, rettet Cioran seine Haut, indem er fluchtartig nach Frankreich zurückkehrt. Als prominenter "Gardist" mußte er um sein Leben bangen, da Antonescu zur Vergeltung Hunderte 'Legionäre' liquidieren ließ. Immerhin klingt es nicht nach Billigung der Massaker seiner Gesinnungsgenossen, wenn Cioran sich später dem Kommunisten Herbert (Belu) Zilber gegenüber äußert, die 'Legion' "prügele sich mit dem Land". Drei Tage lang waren die 'Legionäre' brandstiftend, plündernd und mordend - insbesondere durch die von Juden bewohnten Stadtviertel Bukarests gezogen. 120 Tote gehen auf ihr Konto. Einige von ihnen finden nach Folterungen im Schlachthof den Tod: an die an Fleischerhaken aufgehängten nackten Leichen hat man den Zettel "Koscheres Fleisch" befestigt.

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  4. Stimme der Revolte

    Übersetzer Bernd Mattheus gestorben

    Er war die Stimme Frankreichs in einer Zeit, da
    man diese hierzulande sehr aufmerksam hörte:
    Bernd Mattheus hat die Pariser Philosophen und
    Theoretiker übersetzt. Das düstere Universum von
    Antonin Artaud und Georges Bataille war seine
    Welt. Für ihre Erkundungen der tiefsten Schichten
    und an den Grenzen des Wahnsinns hat er eine
    eigene Sprache geschaffen. "Ich gestatte mir die
    Revolte" war der Titel eines programmatischen
    Sammelbandes im Verlag Matthes & Seitz, zu dem er
    einen Essay beisteuerte. Die Gegenwart ist zum
    Jargon und zur Attitüde dieses
    sprachphilosophischen Denkens aus Frankreich, das
    die Subversion predigte, ein bisschen auf Distanz
    gegangen. Aber Bernd Mattheus' umfassende
    "Thanatographie" über Georges Bataille wird noch
    manchen Paradigmenwechsel überleben. Vor zwei
    Jahren veröffentlichte er eine Biographie des
    Dichterphilosophen Émile Cioran. Sein erster
    Essay über Artaud war 1977 erschienen: "Jede
    Sprache ist unverständlich." Wohl eher
    unfreiwillig hat er den Gegenbeweis ziemlich
    erfolgreich geführt. Im Alter von sechsundfünfzig
    Jahren ist Bernd Mattheus gestern in Kassel gestorben. J.A.


    Text: F.A.Z., 27.06.2009, Nr. 146 / Seite 36

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  5. http://eisernekrone.blogspot.com/2009/06/zum-tod-von-bernd-mattheus-831953.html

    26.06.2009

    Zum Tod von Bernd Mattheus (8.3.1953 - 26.6.2009)
    Im Alter von sechsundfünfzig Jahren ist Bernd Mattheus in Kassel gestorben.
    Seine Werke über Antonin Artaud, Emil(e) Cioran und vor allem Georges Bataille,
    sowie seine zahlreichen Übersetzungen haben einen wichtigen Grenzbereich des
    deutschen Geisteslebens überhaupt erst ermöglicht.

    Aus seinen "Fragmenten zur Vernunftkritik" (Der Pfahl I, 1987):
    Unser vernünftiges Weltbild steht auf so schwachen Füßen, daß ein Mensch, der
    scheinbar unmotiviert lacht, genügt, es ins Wanken zu bringen: Andernfalls
    müssen wird en Lachenden ins Außerhalb des Wahnsinns verstoßen, um uns mitsamt
    unseres Weltchens zu stabilisieren. Die Vernunft lebt von dem, was sie als
    unbrauchbar oder störend AUSSCHEIDET.

    Es gibt keinen vernünftigen Ausweg aus der Vernunftherrschaft. Jedes Credo muß
    deshalb als ein Zeichen der Schwäche gedeutet werden. Das
    vernunftüberschreitende Denken aber wird von der Vernunft als mystisches,
    irrationales, verrücktes gebrandmarkt.

    Gegen den Zynismus: Das nihilistische non credo ist eigentlich die Herdenmoral
    geworden, die nichts Heiliges mehr anerkennt. Das non credo wie auch jedes credo
    verbergen eine Schwäche.

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  6. Bernd Mattheus
    aus Wikipedia

    Bernd Mattheus (* 8. März 1953 in Eisenach; † 26. Juni 2009 in Kassel) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer[1] und Essayist, der bis zu seinem Tod in Kassel lebte.

    Bernd Mattheus wurde bekannt mit autobiographisch inspirierten Aphorismen, deren Themen sich zwischen Sprache und Leben, Grenzerfahrungen des Denkens, Entfremdung des modernen Individuums, Revolte und Sexualität bewegen. Seine Beschäftigung mit den Werken anderer Schriftsteller gilt dabei meist radikalen Denkern und Dichterphilosophen wie Antonin Artaud, Emile Cioran und Georges Bataille.

    Inhaltsverzeichnis
    1 Werke
    2 Literatur
    3 Weblinks
    4 Einzelnachweise

    Werke
    Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Matthes & Seitz, Berlin 2007 ISBN 978-3-88221-891-6
    jede wahre sprache ist unverständlich. Essays über Artaud Matthes&Seitz, München 1977
    Antonin Artaud. Leben und Werk. Matthes&Seitz, München/Berlin 1977 (Pseudonym E.Kapralik)
    Über Antonin Artaud (Hrsg. mit Cathrin Pichler) Matthes&Seitz, München 2002
    Georges Bataille. Eine Thanatographie. Matthes&Seitz, München 1984-1997 (3 Bde.)
    heftige stille. andere notizen. Matthes&Seitz, München 1986 ISBN 3-88221-366-3
    die augen öffnen sich im unklaren und schließen sich im verdunkelten. Matthes&Seitz, München 1980
    Ich gestatte mir die Revolte. (Hrsg. mit Axel Matthes) Matthes&Seitz, München 1985
    briefe über die sprache (mit Karl Kollmann) Matthes&Seitz, München 1978

    Literatur
    J. A.: Stimme der Revolte. Übersetzer Bernd Mattheus gestorben. In: FAZ Nr. 146, 27. Juni 2009, S. 36.

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  7. http://www.hna.de/nachrichten/kultur/abend-erinnert-bernd-mattheus-2459970.html

    Wiener Karl Kollmann liest am Donnerstag

    Kassel. Im Juni 2009 starb der Kasseler Schriftsteller und Übersetzer Bernd Mattheus im Alter von 56 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Ein Jahr später veröffentlichte der befreundete Schriftsteller-Kollege, der Wiener Karl Kollmann, mit dem Buch „ausgeschrieben“ eine Hommage an Mattheus.

    Im Untertitel heißt es: „Auf der Suche nach den verlorenen Möglichkeiten von Literatur, Veränderung und Befreiung“. Erschienen im Maro-Verlag Augsburg (150 S., 18 Euro, ISBN 978-3-87512-292-3).

    „Wenn man Erinnerungen freilegt, die im Lauf der Jahre und der Jahrzehnte blasser geworden sind oder verschüttet waren, legt das emotionale Bahnen gelegentlich neu, und die Perspektive, mit der einer Menschen sieht, auch Freunde, die verändert sich“, schreibt Kollmann als Vorbemerkung. Seinem Freund Bernd Mattheus hat er ein würdiges Denkmal gesetzt, indem er dessen künstlerische Prägungen aufspürt und biografisch einordnet. Durchsetzt mit eigenen Texten, Dialogen, Interviews und Tagebuchaufzeichnungen ist ein sehr persönliches und berührendes Buch entstanden. Es legt Zeugnis eines langen geistigen Austausches zweier frankophiler Schreiber ab.

    Aus diesem Buch für Mattheus liest Kollmann am Donnerstag, 16. August, 20 Uhr, in der Galerie Südhain, Frankfurter Straße 123. Kasseler Kunststudenten um Professor Rolf Lobeck, ebenfalls ein Freund Mattheus’, haben dort zu einem „Abend zur Erinnerung an Bernd Mattheus“ eingeladen. Es lesen Freunde und Bekannte aus Werken von Mattheus und eigene Texte.

    Mattheus war ein konsequenter Schreiber: Seine Aufmerksamkeit widmete er fast ausschließlich den großen vielschichtigen, oft verkannten, französischen Autoren wie Georges Bataille und Antonin Artaud. In seinem Berliner Hausverlag Matthes & Seitz hat er über drei Jahrzehnte ein Dutzend Bücher veröffentlicht. Bernd Mattheus’ letztes Werk war die Biografie des Rumänen Emile Cioran. Posthum ist jetzt bei Mattes & Seitz sein Buch „Antonin Artaud - Texte zum Film“ erschienen.

    Von Christina Hein

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  8. http://www.blackmagazin.com/?p=6571

    FÜR BERND MATTHEUS – Ein Gespräch mit Karl Kollmann

    Jürgen Weber war es, der seinerzeit den Begriff der „Ungewollten" ins Spiel
    brachte. Doch wer sind sie, die Ungewollten? Sind sie jene, die auf der Flucht
    vor den Epochenübeln an den Rand geflohen sind? Was finden sie dort am Rand, in
    der Diaspora? Oft strahlen die Ungewollten im Licht ihrer Widersacherexistenz,
    das Exil scheint ihr Schicksal zu sein. So sind sie denkbar weit entfernt von
    jenen, „die im Zentrum des Meinungswechsels sesshaft sind" und jenen, die „die
    ein Drehkreuz im Herzen haben" (B.Strauß). Die Ungewollten sind oft jene, die
    ausgeschlossen wurden – oder flüchteten, weil sie anders antworten, als die
    Massen in ihrer formlosen Schlammhaftigkeit. Oft verfemt, oft mit Häme bedacht,
    zahlen sie den Preis für Fragen und Gedanken, die sich nicht in matter
    Erschöpfung im stehenden Tümpel des Konsenses spiegeln. Aus dem Exil antworten
    die Ungewollten meist, indem sie der Masse ihre Widerhaken der kalten Wut
    entgegen schleudern, von Ingrimm getrieben. Diesen Randständigen haftet nicht
    selten etwas Schweres, Dunkles an. Ihr Abweichen vom Konsens geht oft einher mit
    ihrer Ablehnung der Kreolisierung der Umstände, die von den Zentren in die
    Etappe wabbert. Umso wichtiger ist es in der Gegenwart die Abweichler von denen,
    die die „Konformität des Andersseins" praktizieren, zu trennen. Die „Darsteller
    der Abweichung" gauckeln mittels Harmlosfolien und Instantmasken Randständigkeit
    vor. Es ist dabei mehr Lifestyle als Haltung, konsequenzlos. Tatsächlich wird
    wahre Abweichung immer sanktioniert. In dem Moment, in dem sich wahre Abweichung
    aufstellt, begegnet ihr die mechanische Reaktion der kalten Empörung jener, die
    im Zentrum sitzen. Wer sind sie also nun, diese „Ungewollten", diese Wenigen?
    Vielleicht würde mancher den Namen Bernd Mattheus hier einwerfen, jener Autor,
    auf den der Cioran-Gedanke „Schreiben, um den Geist in Alarmbereitschaft zu
    halten" – wohl zugetroffen hat. Bernd Mattheus schrieb bis zu seinem Tode im
    Juni 2009 konsequent gegen die Dämmerung und Eintrübung unserer Zeit an. Er
    bezeichnete sich selbst als „Unzeitgenosse", ein Ausdruck, der zeigt, dass er
    das gemeinsame Maß überschritt.

    Neben seiner Tätigkeit als Autor war er jahrelang gestaltender Übersetzer und
    Portraitschreiber. Jene, mit deren Werk er sich auseinandersetzte, waren auch
    oft Randständige. Seine Arbeiten, die allesamt bei Matthes & Seitz erschienen,
    drehten sich vor allem um drei bestimmte Autoren: Antonin Artaud, Georges
    Bataille und E.M. Cioran. Fast könnte man in diesem Zusammenhang von einem
    „Bernd Mattheus-ABC" sprechen. Im Gegensatz zu vielen anderen verfasste Mattheus
    keine Charakteristiken, er schrieb aus Ergriffenheit und Zuneigung. Im
    Agamben`schen Sinne fassen seine Portraits „das Einzigartige". Mit Nietzsche
    könnte man rufen: „Der Gleiche erkennt den Gleichen." Er, der Siedler an den
    Grenzstellen der Gesellschaft ist oft adjektiviert worden. In einem Beitrag
    wurde er gar als „durchgeknallt" beschrieben, worauf eine heftige Replik Axel
    Matthes an den Verfasser des Beitrags erfolgte. Mit Axel Matthes verband ihn die
    gemeinsam Heimat, welche der Verlag Matthes & Seitz darstellte. Bernd Mattheus
    scheint in seinem Wirken nie müde geworden zu sein. Ob seine Cioran-Biographie,
    die Bataille-Thanatographie, seine Arbeiten zu Artaud, seine Aphorismen und und
    und – immer traf dieser leidenschaftsstarke Autor mit seinem präzisen Stil ins
    Zentrum der von ihm gestellten Fragen. Das Prosaische seiner Texte schien auch
    immer auf ihn überzugreifen. Dabei lehnte er zeitlebens jedwede Sprecherrolle
    ab. Im Artaud`schen Sinne war er nicht „der Trichter von jedermanns Gedanken".

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  9. Für jene, wie der Autor dieser Zeilen, die es versäumt haben, Bernd Mattheus zu
    Lebzeiten zu interviewen, bleibt der Ansatz Blanchots übrig, nämlich der der
    Befreundung mit dem Werk. Nur wenig lässt sich über Bernd Mattheus finden. Die
    einzigen Informationsquellen zu ihm sind seine Veröffentlichungen. Umso
    freudiger war der Umstand, als Karl Kollmann, ein langjähriger Freund Bernd
    Mattheus`, sich zu einem Gespräch über ihn bereit erklärte. Karl Kollmann war
    neben der Rolle als Interviewpartner auch Garant dafür, bei der Frage „Wer war
    Bernd Mattheus?" nicht unter die Räder dieser Frage zu geraten.


    ? In „Briefe über die Sprache" ist ein Austausch zwischen Ihnen und Bernd
    Mattheus schriftlich fixiert. Über 20 Monate hin tauschen Sie sich zu Fragen der
    Sprache aus. Sie wirken dabei sehr vertraut miteinander, wenngleich Privatem
    keinerlei Platz eingeräumt wird. Wie lange kannten Sie sich zu diesem Zeitpunkt?

    Schon Jahre kannten wir uns, wir lernten uns Anfang der 70er kennen, per Brief,
    wie das damals üblich war. Telefon war zu teuer, Reisen auch. Damals wurden
    viele ernsthafte Briefe geschrieben. Persönliche Passagen, die es in den Briefen
    natürlich gab, wurden eliminiert, entfernt; das war Bernds Idee, um die Schärfe
    des Diskurses zur Sprache zu erhalten, die Ernsthaftigkeit.

    ? Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Bernd Mattheus erinnern?
    Welche Eindrücke blieben davon haften?

    Das war, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, noch vor dem gemeinsamen Buch,
    ein kurzer Besuch der Kasseler documenta, aber genau erinnern kann ich mich
    nicht mehr. Es gab keine Differenz zu den Briefen, zu den Inhalten der Briefe,
    auch nicht im Gestus oder der gesprochenen Sprache.


    ? In der „Nachbemerkung" schreiben Sie, dass Kommunikation- zumal
    schriftsprachliche – eigentlich nur misslingen kann. Sie betonen dort, dass ein
    Grund dafür „die Eigengesetzlichkeit der Sprache sein". Gleichzeitig
    verdeutlichen Sie, dass Sie dennoch versuchen, etwas wie eine gemeinsame Sprache
    zu finden. Wie stark war diese Frage für Sie beide persönlich während des
    Briefwechsels präsent?

    Mit und in einer Sprache sprechen oder schreiben, von der man weiß, dass sie
    alles strukturiert, unsere Wahrnehmung, das Denken, das Fühlen. Zu einer
    authentischeren Sprache kommen wollen, aber wie? Bernd war fasziniert von
    Artaud, seinem Aufbäumen, seiner Rebellion.

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  10. ? Gab es für Sie persönlich Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, der
    Briefwechsel könne in Richtung eines beiderseitigen Verständnisses gehen?

    Doch, natürlich. Wir waren uns einig, daß diese Sprache der Herrschaft – der
    Monarchie, des Faschismus, der repressiven Demokratie nach dem Krieg –
    fremdbestimmende Struktur ist. Die Rebellion der 68er Jahre war nur ein Anfang,
    die Sprach-Rebellion wäre der nächste Schritt. Nur wie es außerhalb des
    Gefängnisses aussehen könnte, wusste man noch nicht.


    ? Gleichzeitig betonen Sie, dass aufgrund des Adressatenbezugs viel von dem
    außen vor bliebe, was einen Austausch belasten würde. Wie schwer war es für Sie
    beide entlang des Briefwechsels sich ausschließlich auf die abstrakte Facette
    von Sprache zu konzentrieren?

    Sprachkritik enthielt die Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, das stand
    im Mittelpunkt. Briefe damals schreiben, vor einem drittel Jahrhundert, war
    immer auch: sich gesellschaftspolitisch äußern, Standpunkte austauschen. Bei uns
    stand das vielleicht noch mehr im Mittelpunkt. Kommunikation, Briefe, das war
    damals ganz anders. Mit dem heutigen, banalitätsverseuchten Blabla kann man das
    nicht vergleichen.


    ? Andreas Rötzer hat auf dem Sommerfest des Verlages (Juli 2009), knapp zwei
    Wochen nach dem Tode B.M.s, seiner gedacht. Er führte aus, dass Bernd Mattheus
    „sein eigenes Werk zurückstellte, zugunsten der Erforschung und Übertragung der
    von ihm verehrten Geister". Teilen Sie diese Einschätzung?

    Ja, da ist schon was dran. Aber ich sehe das etwas weniger demutsvoll – nämlich:
    Wenn alles schon geschrieben steht, braucht man selbst nichts mehr zu schreiben.
    Man muss es gegebenenfalls übersetzen, aus der Versenkung holen. Bernd hat aber
    auch „originär" geschrieben, nicht nur in den 70er Jahren, in den 90er Jahren
    ein Buchmanuskript, die „Trois Passion", er hat Notate (wie er das nannte)
    geführt.

    ? Bekanntlich liest jeder sein eigenes Buch, da man sich immer mitliest. Spielte
    dieser Gedanke für Bernd Mattheus eine Rolle? Oder, anders gefragt: Wonach
    wählte Bernd Mattheus die Autoren aus, die ihn ja meist über sehr lange
    Zeiträume beschäftigten?

    Natürlich sucht man sich, als Leser oder als Übersetzer, oder als Biograph, die
    Autoren, die den eigenen Perspektiven entsprechen. So ein bisschen schwarz-weiß
    könnte man sagen, Artaud war der jähe Aufbruch, Cioran dann die Resignation, und
    Bataille der Versuch, die Jahre dazwischen, die Welt zu verstehen, sie kritisch
    und reflexiv zu fassen.


    ? Die von ihm Übersetzten und Portraitierten sind meist selber Randständige
    gewesen. In seinen Aphorismen schreibt Bernd Mattheus u.a., dass er nicht über
    das Sein in der Peripherie berichten könne, da dies in seinen Augen nur jene
    könnten, die im Zentrum agieren. Inwieweit erzeugte seine Beschäftigung –
    beispielsweise mit E.M. Cioran – auch in ihm einen biografischen Widerhall?


    Cioran war ein an der Welt resigniert habender Mensch, erschrocken über sich und
    verloren im Kosmos. Bei der jahrelangen Beschäftigung mit Cioran ist sicher
    manches auf Bernd – reflexiv einerseits, unbewusst andererseits – übergegangen.
    Der aristokratisch asketische Rückzug, Wehmut beim Erinnern an das verlorene
    Paradies, das kreatürliche Ächzen, da man tödlich verwundet, infiziert wurde,
    von einer Gesellschaft, mit deren Tierhaftigkeit man sich nicht anfreunden
    konnte – ich lese Cioran anders als Bernd, ohne Facetten und Umwege.

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  11. ? Das erinnert mich an einen Guyotat-Gedanken, welchen Bernd Mattheus in
    „Heftige Stille" zitiert: „Ich singe aus meiner Wunde". Dem wohnt ja eine
    Ambivalenz inne. Einerseits die Klage über die Verletzung, andererseits ist die
    Wunde auch Antrieb, bestenfalls Quell der Inspiration. Kann diese Lesart in
    Ihren Augen auch auf Bernd Mattheus übertragen werden?

    Mir fehlt jetzt der Zusammenhang und auch das Gedächtnis, aber es ist doch so
    mit dem Künstler, dem Rebellen und Revolutionär: Verletzungen führen zu
    Widerstand – oder zu Anpassung, dann ist er eben kein authentischer Künstler,
    sondern angepasst, Normalbürger sozusagen.

    ? Was wissen Sie über die Arbeitsweise Bernd Mattheus` zu berichten? Von Außen
    hat man leicht den Eindruck, dass er sich tief in das Werk vergraben konnte.
    Teilen sie diese Einschätzung?

    Unendlich hinein graben, ja. Er wollte die Menschen, die ihn fasziniert haben,
    ganz verstehen. Und das auch in einer Sprache ausdrücken, die perfekt ist, die
    Bestand hat. Das hieß, seine Texte immer wieder überarbeiten. Langwierig,
    zeitraubend.

    ? Persönliches lässt sich über Bernd Mattheus nur wenig finden. Ließ er Freunde/
    Vertraute an seinem Innenleben teilhaben? Wie war das bei Ihnen (Welche Rolle
    spielten für ihn (Ihre) Rückmeldungen)?

    Er lebte sehr zurückgezogen, da er, zu Recht wie ich finde, „das Soziale" im
    Wesentlichen für Inszenierung, Show und Schmonzes hielt, also quantitativ das
    meiste im sozialen Leben ist sozusagen Selbstvermarktung, nicht authentisch. Bei
    ihm ging diese Abneigung bis zum Ekel. Er hat es auch nie verstanden, wie ich in
    einer traditionellen Berufstätigkeit die Jahrzehnte überleben konnte. Wir zwei
    hatten nach einem Vierteljahrhundert eine recht vertraute Kenntnis unserer
    Befindlichkeiten. Die geographische Distanz war nie ein Problem, telefonieren
    heute kostet ja kaum etwas. Er geht mir als Freund sehr, sehr ab.

    ? Bernd Mattheus scheint nicht das Licht der Zentren gesucht zu haben, er lebte
    bis zu seinem Tode in Kassel. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu – und wenn ja,
    was brachte ihn zu dieser Entscheidung?

    In den Zentren ist großer Lärm, grelles Licht, viel Inszenierung und überhitzte
    Atmosphäre, da kann sich der Ekel bis ins Unerträgliche verdichten, sag ich
    jetzt einmal. Ich denke, Bernd Mattheus hatte keine große Veranlassung aus
    Kassel wegzuziehen, obschon ihn Berlin recht interessiert hat, da hatte er auch
    kurz einmal gelebt. Hans Jürgen von der Wense ist auch in Kassel hängen
    geblieben.


    ? Welche Rolle hat für ihn seine Veröffentlichungsheimat Matthes & Seitz
    gespielt?

    Eine große. Er hat sich dort zuhause gefühlt.

    ? Und wie sah es in diesem Zusammenhang mit Axel Matthes aus? Man kann leicht zu
    dem Eindruck kommen, dass es mit dem Rückzug A. Matthes stiller um Bernd
    Mattheus wurde. Teilen Sie diese Einschätzung?

    Auch eine große Rolle. Axel Matthes war der Verlag, Matthes war für Mattheus
    ganz signifikant, wirkt ja mit der Namensähnlichkeit beinah romantisch.
    Irgendwie war es eine intellektuelle Vater-Sohn Hassliebe, vor allem in den
    letzten Jahren dann. Und ganz fokussiert nur auf das Inhaltliche, die beiden
    sind bis zuletzt per Sie gewesen.

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  12. ? In der großartigen Publikationsreihe „Der Pfahl" ist Bernd Mattheus stets
    vertreten gewesen. Was war für ihn „Der Pfahl"?

    Wie alles, was vom Verlag kam, und die für ihn wichtigen Autoren umfasste, war
    es bedeutsam für ihn. Ich selbst fand es vom Gesamtbild her dann eher irgendwie
    esoterisch, zu aristokratisch distanziert, zu schmalbandig, Herbert Marcuse
    plus Surrealismus – das wäre eher mein Geschmack gewesen.

    ? Seit einiger Zeit gibt es eine digitale Wiederbelebung dieser
    Publikationsreihe. Was glauben Sie, wie hätte Bernd Mattheus zu dieser Art des
    Mediums gestanden?

    Skeptisch hätte er das gesehen. Ich habe ihm lange zugeredet, seine Notizen, die
    Notate als Weblog, nur für sich sozusagen, zu führen. Er konnte damit nichts
    anfangen, oder genauer: Er wollte es nicht. Er benutzte auch den Computer für
    seine Texte nur als Typoskriptmaschine, der Text entstand handschriftlich, erst
    wenn es weitgehend fertig war, kam es in die Textverarbeitung. Das Haptische des
    Schreibens, das mit der Seele auf dem Papier Kratzen, war ganz wichtig.
    Allerdings haben um 2000 herum dann Emails die Briefe gänzlich ersetzt.

    ? In Ihrer Veröffentlichung „Briefe über die Sprache" schreiben Sie: „… Sprache
    ist von den elektronischen Medien nahezu gänzlich verseucht…". Dieses Zitat
    stammt aus dem Februar 1977. Wie beurteilen Sie diese Aussage anhand der
    technischen Entwicklungen der Gegenwart?

    Ja, es ist niederschmetternd. Die Kommunikationstechnik-Struktur hat eine zweite
    Wirklichkeit, Nebelschleier gewissermaßen, um die Realität gelegt. Folge ist die
    gegenwärtige massenkonsumierte Unterhaltungsparanoia und das Unvermögen der
    Mehrheit, ihre Wirklichkeit zu gestalten. 30 Prozent der Jugendlichen als
    funktionale Analphabeten, 6-jährige, die im eigenen Kinderzimmer sich mit dem
    eigenen Fernseher die Nächte um die Ohren schlagen und 70-jährige, die ihre
    letzten Lebensjahre im Fernseher fristen.

    ? Sie sagten vorhin zu Bernd Mattheus Artaud-Interesse, dass es die Rebellion
    Artauds war, die ihn interessierte. Auf mich als Leser wirkt B.M. immer so, als
    stünde er beim Schreiben in Flammen. Sein Geschriebenes schlägt Funken aus den
    einzelnen Seiten. Wie stark brannte er- und sehen Sie in dieser
    Leidenschaftsstärke ein Wesensmerkmal seines Stils?

    Ja, hinter dem verhaltenen, disziplinierten, stillen äußeren Erscheinungsbild
    brannte es heftig. Man hätte ihm seine Gedankenwelt nie angesehen, wenn man ihm
    begegnet ist, ganz anders als Artaud, der sein Inneres ausstülpte, eher dem
    Cioran ähnlich, der sich ja auch sehr still und vorsichtig in der Alltagswelt
    bewegte.

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  13. ? E.M. Cioran ist er meines Wissens persönlich begegnet, anderen Autoren – mit
    deren Werk er sich beschäftigte (z.B. Bataille) nicht. Wie wichtig war ihm –
    wenn (noch)möglich – der persönliche Kontakt?

    Sehr wichtig, ja Cioran ist er noch begegnet. Zu Bataille hat er in Paris
    wochenlang recherchiert, auf seinen Spuren sozusagen. Das Persönliche war ihm an
    sich wichtig, ich denke auch das Auseinanderfallen von Person und Werk.

    ? In der dreibändigen Thanatographie zu G. Bataille würde ich Bernd Mattheus`
    opus magnum sehen. Stimmen Sie dieser Annahme zu – und welchen Rang ordnen Sie
    diesem Werk in Bezug auf das Verständnis Batailles im deutschsprachigen Raum zu?

    Das stimmt, eine Arbeit länger als 15 Jahre. Ich habe ab Ende der 90er Jahre die
    Bataille-Rezeption nicht mehr intensiv verfolgt, aber ich denke, das war und ist
    das Werk zu Bataille schlechthin. Ein Wunder, dass es in dieser Form zustande
    gekommen ist. Eine Rolle mag gespielt haben, dass Bernd das Feld nicht den
    akademischen Interpreten überlassen wollte. Er hatte eine gewisse Skepsis
    gegenüber der Academia, die schienen ihm blutleer, macht- und einflussgetrieben,
    durch ihre Laufbahnen verdorben, da über viele Jahre verschult und angepasst.
    Was für große Teile sicher zutrifft.



    ? Diese Skepsis gegenüber der Academia – Wie beurteilen Sie diese und was halten
    Sie von Formeln wie der des „Denkbeamtentums"?

    Diese Skepsis – vor allem gegenüber den Romanisten – teilte er mit Matthes; der
    „Denkbeamte", ja, das kommt doch von Feyerabend, der saß allerdings selber lange
    Zeit gleichzeitig auf zwei Universitäten. Nun, Bernds Skepsis oder sagen wir,
    Verärgerung kam wohl von daher, dass der akademische Forscher ein gesichertes
    Auskommen hat und die Möglichkeit kritisch zu sein, nicht oder zuwenig nützt.
    Gerade die Sicherheit eröffnete an sich alle Möglichkeiten für eine radikale
    Kritik der Gesellschaft. Ich glaube, ein Teil der Academia hat das durchaus
    genutzt, Feyerabend ist ja nicht der einzige kritische Mensch gewesen. Aber was
    anderes ist in den letzten Jahren gesellschaftlich gekommen: Die Uni-Leute sind
    ja längst keine Beamten mehr, die müssen brav und angepasst die vorgegebenen
    Ziele erfüllen, sonst ist es nichts mit der Vertragsverlängerung. Paradox
    übrigens, denn genau darum, damit sie unabhängig bleiben, ihre Meinung sagen
    können, hat man Richter, Lehrer, Forscher ja einmal verbeamtet.

    ? Wildes Denken – gefährliches Denken scheinen heute weniger denn je en vogue zu
    sein. Es scheint eine allseits tiefe Sehnsucht nach dem alles zukleisternden
    Konsensus zu geben. Welche Strategien erscheinen Ihnen am wirksamsten, sich
    diesem Konsensus zu entziehen und welche Rolle spielte für Bernd Mattheus das
    Schillerwort: „Gebt Gedankenfreiheit…"?

    Kritisches Denken ist heute nicht ungefährlich, es ist auch nicht mehr viel Raum
    dafür da, wo es sich entfalten kann. Andererseits ist die Unzufriedenheit vieler
    Menschen mit der gegenwärtigen Wirtschaft und Gesellschaft groß. Bis es zu
    Umbrüchen kommt, dauert es aber nahezu unendlich lang, siehe Tunesien und
    Ägypten. Das Zukleistern geschieht von Politik und Wirtschaft, da wird
    schöngemalt und heruntergespielt. „Gebt Gedankenfreiheit, Sire" – so hat Bernd
    nicht gedacht, sondern: Meine Gedankenfreiheit nehme ich mir, da ich ein Mensch
    bin, kein Sklave. Sie ist mein Menschenrecht.


    ? Bernd Mattheus schreibt in „Heftige Stille", dass ihn Schriftsteller
    interessieren, „… die im Alter eben nicht gelassen, abgeklärt, weise geworden
    sind, sondern sich ihren unversöhnlichen Teil, ihren Wert, ihre Negativität
    bewahrt haben." Als jemand, der Bernd Mattheus lange und sehr gut kannte –
    würden Sie dies auch auf ihn übertragen?

    Ja, wenn man eben zwischen Bernds äußerem Erscheinungsbild und seinem Innenleben
    unterscheidet. Das Rebellische gegenüber der Gesellschaft, die Unversöhnlichkeit
    gegenüber der Kultur und den passiven Konsumbürgern, das hat er sich bewahrt.

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  14. ? An anderer Stelle schreibt er, dass er es hasse „… mit mir hausieren zu gehen
    …(ich) hasse Publicity und lehnen Einladungen zu Lesungen ab." Gleichzeitig
    erwähnt er in diesem Zusammenhang, dass sich Einladungen zu solchen
    Veranstaltungen ohnehin in Grenzen hielten und er für die „Manager des
    Kulturbetriebs "eine persona non grata" sei. Worin sehen Sie die Gründe, dass
    Bernd Mattheus häufig geschnitten wurde? Erklärt sich für Sie auch so das kalte
    Schweigen zu seinem Tod?

    Nun, die Manager des Kulturbetriebs gehören natürlich ganz wesentlich zur
    Gesellschaft – den Betrieb hat er abgelehnt, denn tatsächlich ist man hier im
    Zentrum des Anpassungsmechanismus. Was er aber dabei nicht bedacht hat ist, dass
    er damit auch sich selbst und seine Arbeit in eine immer schmälere Nische
    hineintreiben lässt. Der Kulturbetrieb ist unerbittlich, die Gesellschaft ist
    rigid. Wer sich nicht, zumindest in lockeren Formen, anbiedert, verkauft, selbst
    vermarktet, der existiert bald einmal nicht mehr. Zwar, eine Gegenöffentlichkeit
    hat es Ende der 60er Jahre und den 70ern gegeben, die ist aber schnell
    geschrumpft und übrig geblieben ist der traditionelle Kulturbetrieb. Wer sich
    widersetzt, der verhungert. Und selbst vor diesen vierzig Jahren war es eine
    Gratwanderung, zwischen materiell benötigten Preisen, Stipendien und einer
    gewissen Freiheit beim Schreiben, das Beispiel ist hier Brinkmann.

    ? Was bedeutete die Nichtbeachtung für seine finanzielle Situation? Von außen
    betrachtet, wirkt es auf mich so, als hätte er die Freiheit zum Schreiben der
    materiellen Sicherheit vorgezogen.

    Freiheit zum Schreiben haben, das ist auch begrenzt, man braucht einen Verlag
    und Verlage haben im Regelfall eigene Vorstellungen, nur so ganz allgemein
    gesagt. „Non serviam" war sein Motto, über das wir viel diskutiert haben – ich,
    der Knecht, er, der sich weigert, Knecht zu sein. Ab 2000 wurden seine Einkünfte
    dünner und dünner und die materielle Lage sehr eng. Zu Lesungen eingeladen wurde
    er, fuhr aber trotz Zuredens nicht hin.

    ? Welche Rolle spielte(n) für Bernd Mattheus die Musik und die bildenden Künste?

    Musik hat zu seinem Leben gehört, Patty Smith und vieles aus dieser Ecke. Bei
    der Kunst war er an Neuem, an Widerständischem interessiert, und er war, was
    deren Verwertungsbedingungen anlangte, immer kritisch. Wenn die Namen groß
    wurden, ist er skeptisch geworden, sozusagen: Das Geschäft verdirbt den
    Charakter. Ist ja auch so, wenn das Geldverdienen beginnt, bleibt die
    Entwicklung stecken und der Künstler passt sich an, wird zum
    Kunstgewerbetreibenden.


    ? Wie steht es um den Nachlass von Bernd Mattheus? Wer verwaltet ihn und sind
    posthume Veröffentlichungen geplant?

    Seine Mutter lebt noch, sie ist die Erbin; der alte Verleger hat die Texte aus
    Bernds Wohnung nach Bayern geholt. Meiner Meinung nach hätten sie in das
    Wense-Archiv in Kassel gehört. Ich habe ihm die „Drei Leidenschaften" nahe
    gelegt, vielleicht erscheint das Buch.

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  15. ? Sie sprachen Jürgen von der Wense an, der neben seiner schriftstellerischen
    Tätigkeit ja auch als Übersetzer wirkte. Spielte von der Wense eine Rolle für
    Bernd Mattheus? Und welche Parallelen entdecken Sie zwischen beiden?

    Ich glaube, dass Bernd den Wense vor einigen Jahren langsam entdeckt hat, das
    hat er gelegentlich angemerkt. Beide waren sie mit der Sprache und mit der
    Kultur überhaupt nicht zufrieden, die gemeinsame Stadt kommt dann als
    Interessens-Bindemittel dazu, mit der waren beide ja auch nicht zufrieden. Beide
    hat man zu wenig ernst genommen.

    ? Gleichzeitig erwähnten Sie im Rahmen dieses Interviews, dass Sie selber an
    einem Buchprojekt arbeiten würden, bei dem es um Ihre Freunde und Weggefährten
    geht. Neben B.M. werden dabei u.a. auch Jürgen Ploog und Jörg Fauser eine Rolle
    spielen. Was können Sie zum jetzigen Zeitpunkt über dieses Buch berichten?

    Es wird ein ziemlich schräges und kleines Buch werden, das ein Stück an unser
    Sprache-Buch anschließt. Widerstand durch Kunst, durch Schreiben, aber immer
    alles überschattet vom Tod und einer unfreundlichen, gar nicht friedvollen
    Gesellschaft. Am Tod scheitert man ausnahmslos, das hört sich so an, als ob
    Widerstand sinnlos wäre, aber man sollte auf dem Totenbett kein allzu schlechtes
    Gewissen haben müssen, denke ich. Es wird im Frühjahr 2011 im Maro-Verlag
    erscheinen, was mich freut, denn der Benno Käsmayr hat auch 40 Jahre
    durchgehalten.

    ? Geht es also letzten Endes um das Durchhalten, eventuell das Aushalten?

    Auf Rilkes Grabstein soll ja „…Überstehen ist alles" geschrieben sein. Nein, ich
    denke, wenn man die Existenz nicht mehr ertragen will und kann, dann kann man
    dem auch ein Ende setzen, Bernd sah das übrigens ähnlich. Bis zum bitteren Ende
    durchhalten – das ist so katholisch, zwanghaft. Andererseits könnte die Welt um
    so vieles friedvoller, freundlicher, zwangloser, freier sein, und sie verändert
    sich nicht. Das ist das Tragische.

    ? Lieber Karl Kollmann, wie fällt Ihre Antwort aus, wenn man fragt, was bleibt
    von Bernd Mattheus?

    Heute schaut es ziemlich finster aus. Ich denke aber, die Jüngeren werden – nach
    einer langen Phase der Fernseh- und Internetverblödung – die Surrealisten wieder
    entdecken, also das Programm: alternative Kunst und alternative Politik – und
    sie werden dafür auch die Bücher von Bernd benutzen.

    Ein besonderer Dank geht Andreas Rötzer (Matthes & Seitz) für die
    Kontaktvermittlung!

    (S.L.)

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