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Ein verführbarer Skeptiker

Dem Weidle Verlag, spezialisiert auf Exil-Literatur, ist eine kleine Sensation gelungen: die Publikation von Briefen, die der 1995 in Paris gestorbene rumänische Dichter und Philosoph Emil M. Cioran zwischen 1979 und etwa 1989 einer jungen Deutschen schrieb, einer Kölnerin, Friedgard Thoma. „Um nichts in der Welt - Eine Liebe von Cioran" heißt der kleine Band voller Zündstoff.

Das Sensationelle liegt nicht in neuen Erkenntnissen über den Skeptiker und Kulturkritiker Cioran, sondern im Sichtbarmachen des Menschen Cioran, der sich mit über 70 Jahren in eine mehr als 30 Jahre jüngere Frau verliebt. Und der Zündstoff befindet sich im Widerstand, den der Weidle Verlag aus Paris spürt, wo im traditionsreichen Verlagshaus Gallimard, das Ciorans Werk seit 1949 betreut, diejenigen sitzen, die der Bonner Verleger Stefan Weidle als „Gralshüter" bezeichnet. In seinen Augen wird mit dem Briefwechsel aber „nichts an die Öffentlichkeit getragen, was Cioran abträglich wäre".

Man kann den Briefwechsel als „freundschaftliche Plaudereien" bezeichnen. Diese sind mit einem Hauch von Kitsch versehen. Er: „Ich kann diesen schrecklichen Traum nicht loswerden. Der Gipfelpunkt von sechs Monaten von tollen Qualen überfüllt? Oder das Ende einer einseitigen Illusion?" Sie: „Lieber Cioran, manchmal sind Sekunden da, die enthalten eine so ungeheure Zärtlichkeit." Brieflich habe Cioran sich gegenüber Friedgard Thoma nicht zu seinem Werk geäußert, so Weidle, „wahrscheinlich war sein Deutsch gar nicht differenziert genug, um sich profund zu äußern. Also haben die Briefe einen privaten und eher plaudernden Ton."

Weidle hat die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau fasziniert und die werde nur „sehr selten von der Seite der jungen Frau - wie in diesem Fall - dargestellt, noch dazu so ungeschminkt und offen." Das Bild des Skeptikers und Weltverächters wird durch die im Briefwechsel erkennbare Verführbarkeit des alten Mannes stark verändert - und von der Briefempfängerin Thoma auch kommentiert. Befürchtet Weidle nicht, das Image, das Cioran selber systematisch aufgebaut hat, anzukratzen? „Es wird eher ergänzt", sagt er. „Cioran war ein fühlender Mensch, das kommt ja auch in seinen Schriften heraus. Aber dass erkennbar wird, dass er in dieser Welt verortet war, seinen Platz und sein eigenes Schicksal hatte, das tut ihm, finde ich, gut."

Die Briefe sind auf Deutsch geschrieben, eine Sprache, die dem aus Siebenbürgen gebürtigen Cioran geläufig war, und die er während eines Aufenthalts in Berlin vervollkommnete. Über seine Berliner Zeit, Anfang der 30-er Jahre schwieg der Philosoph sich aus - auch wenn ihm vorgeworfen wurde, faschistisches Gedankengut habe ihn fasziniert. In den deutschen Briefen kommt die deutsche Zeit nicht vor. Es ist möglich, dass Ciorans Pariser Verlag Gallimard, ein bestimmtes Image des Philosophen und Menschen Cioran aufrecht erhalten will. Und in dem Briefwechsel mit der jungen Frau steht der alte Cioran nicht gerade brillant da - vielleicht anrührend, aber nicht so, wie man es von einem abgeklärten Philosophen hätte erwarten können. Verleger Weidle meint dazu: „Wenn er so war, wie er in diesen Briefen vorkommt - und da wird ja Originalton wiedergegeben, da wird nichts unterstellt -, wer will dann entscheiden, wie Cioran der Nachwelt übermittelt werden soll?" Weidle hält es für „eine anmaßende Haltung zu sagen, etwas, was Cioran wortwörtlich - auf Deutsch - geschrieben hat, soll der Öffentlichkeit vorenthalten werden."

Hinzu kommt, dass Gallimard Ciorans Tagebücher veröffentlicht hat, auf die der Philosoph eigenhändig geschrieben hatte: „Zu vernichten". Folglich hätte Weidle Gallimards Position verstanden, „wenn man die Tagebücher, die er ja nicht veröffentlicht sehen wollte, auch nicht publiziert hätte. Aber wenn man Dinge publiziert, die er nicht veröffentlicht sehen wollte, dann sollte man tolerieren, dass alle seine Äußerungen publiziert werden."

Der Weidle Verlag hat präventive Maßnahmen ergriffen und eine „Schutzschrift" erstellen lassen, um auf eine eventuelle Einstweilige Verfügung antworten zu können. In dieser „Schutzschrift" ist das Kapitel zum „postmortalen Persönlichkeitsrecht" besonders interessant, denn daran entzündet sich die Diskussion der Verlage: Wie weit ist eine Persönlichkeit wie Cioran fünf Jahre nach seinem Tod wie ein Heiligenbild zu betrachten? „Wir haben die Schutzschrift hinterlegt, damit einer Einstweiligen Verfügung nicht einfach stattgegeben werden kann und damit klar wird, dass wir mit Wissen und Kenntnis der Gesetze gehandelt haben und davon ausgehen, dass wir in einem Verfahren als Sieger hervorgehen werden."

Ciorans „Goldene Regel - ein unvollständiges Bild von sich hinterlassen" ist durch das Buch von Friedgard Thoma durchbrochen; das Bild wird etwas „vollständiger". „Aber", sagt Weidle, „es ist natürlich schon durch die Veröffentlichung der Tagebücher bei Suhrkamp - nach Gallimard - sehr viel vollständiger geworden." Also keine „postmortale" Ruhe für die Dichter? Für Cioran so wenig wie für Gottfried Benn, dessen Briefe an seine mehr als 35 Jahre jüngere Geliebte Ursula Ziebarth der Wallstein Verlag unter dem Titel „Hernach" publizierte? Oder handelt es sich um die späte Rache der Musen?

Amine Haase

Kölner Stadt-Anzeiger
25.10.2001

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