Translate

Vom Glück bedroht

Selbst E.M. Cioran, traurigster Denker des 20. Jahrhunderts, wurde mal vom Glück bedroht

...Nur Lebensablehnung, nur Einsamkeit und Trauer. Cioran ist so sehr in seine Traurigkeit versunken, daß es manchmal wie von selbst aus ihm zu trauern scheint: „Ich lebe in einer automatischen Traurigkeit, ich bin ein elegischer Roboter."
Und dann geschah das: Im Februar 1981 bekam er Post aus Deutschland. Es war nicht eines der üblichen Schreiben sympathisierender Selbstmordapologeten, die er in so großer, großer Zahl erhielt, sondern der Brief einer Verehrerin, Friedgard aus Köln, die ihm mitteilte, sein Werk wirke auf sie erhebend und regenerierend, und es entwickelte sich eine Art Liebesgeschichte in Briefen, die Friedgard Thoma jetzt, sechs Jahre nach Ciorans Tod, als Buch herausgegeben hat.

Es ist: ein Liebesbuch, und es zeigt den Meister der Lebensverachtung in einer etwas peinlichen Lage: Cioran hatte sich in seine junge Verehrerin verliebt, sie trafen sich, sie machte ihm Hoffnungen, er war beglückt und schrieb: „Meine Skepsis, die bis jetzt so behilflich war, scheint mich verlassen zu haben." Aller Verzweiflungsschutz war fort, sogar der Zynismus hat ihn verlassen...

...noch radikaler als in den Cahiers sehen wir den Unglücksmeister in einer Pose, in der er sich nur ungern sehen lassen wollte. Mitunter fast als glücklicher Mensch, zumindest als ironiebereiter, großer Durchhalter: „Es lohnt sich zu leben", schreibt er...an die geliebte Friedgard... Am Ende also- der elegische Roboter im Glück?...

Franfurter Allgemeine Sonntagszeitung
25.11.2001

2 comments:

  1. Ein verführbarer Skeptiker
    Kölner Stadtanzeiger, Amine Haase, 24.10.01
    Dem Weidle Verlag, spezialisiert auf Exil-Literatur, ist eine kleine Sensation gelungen: die Publikation von Briefen, die der 1995 in Paris gestorbene rumänische Dichter und Philosoph Emil M. Cioran zwischen 1979 und etwa 1989 einer jungen Deutschen schrieb, einer Kölnerin, Friedgard Thoma. „Um nichts in der Welt - Eine Liebe von Cioran“ heißt der kleine Band voller Zündstoff.
    Das Sensationelle liegt nicht in neuen Erkenntnissen über den Skeptiker und Kulturkritiker Cioran, sondern im Sichtbarmachen des Menschen Cioran, der sich mit über 70 Jahren in eine mehr als 30 Jahre jüngere Frau verliebt. Und der Zündstoff befindet sich im Widerstand, den der Weidle Verlag aus Paris spürt, wo im traditionsreichen Verlagshaus Gallimard, das Ciorans Werk seit 1949 betreut, diejenigen sitzen, die der Bonner Verleger Stefan Weidle als „Gralshüter“ bezeichnet. In seinen Augen wird mit dem Briefwechsel aber „nichts an die Öffentlichkeit getragen, was Cioran abträglich wäre“.
    Man kann den Briefwechsel als „freundschaftliche Plaudereien“ bezeichnen. Diese sind mit einem Hauch von Kitsch versehen. Er: „Ich kann diesen schrecklichen Traum nicht loswerden. Der Gipfelpunkt von sechs Monaten von tollen Qualen überfüllt? Oder das Ende einer einseitigen Illusion?“ Sie: „Lieber Cioran, manchmal sind Sekunden da, die enthalten eine so ungeheure Zärtlichkeit.“ Brieflich habe Cioran sich gegenüber Friedgard Thoma nicht zu seinem Werk geäußert, so Weidle, „wahrscheinlich war sein Deutsch gar nicht differenziert genug, um sich profund zu äußern. Also haben die Briefe einen privaten und eher plaudernden Ton.“
    Weidle hat die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau fasziniert und die werde nur „sehr selten von der Seite der jungen Frau - wie in diesem Fall - dargestellt, noch dazu so ungeschminkt und offen.“ Das Bild des Skeptikers und Weltverächters wird durch die im Briefwechsel erkennbare Verführbarkeit des alten Mannes stark verändert - und von der Briefempfängerin Thoma auch kommentiert. Befürchtet Weidle nicht, das Image, das Cioran selber systematisch aufgebaut hat, anzukratzen? „Es wird eher ergänzt“, sagt er. „Cioran war ein fühlender Mensch, das kommt ja auch in seinen Schriften heraus. Aber dass erkennbar wird, dass er in dieser Welt verortet war, seinen Platz und sein eigenes Schicksal hatte, das tut ihm, finde ich, gut.“
    [...] Es ist möglich, dass Ciorans Pariser Verlag Gallimard, ein bestimmtes Image des Philosophen und Menschen Cioran aufrecht erhalten will. Und in dem Briefwechsel mit der jungen Frau steht der alte Cioran nicht gerade brillant da - vielleicht anrührend, aber nicht so, wie man es von einem abgeklärten Philosophen hätte erwarten können. Verleger Weidle meint dazu: „Wenn er so war, wie er in diesen Briefen vorkommt - und da wird ja Originalton wiedergegeben, da wird nichts unterstellt -, wer will dann entscheiden, wie Cioran der Nachwelt übermittelt werden soll?“ Weidle hält es für „eine anmaßende Haltung zu sagen, etwas, was Cioran wortwörtlich - auf Deutsch - geschrieben hat, soll der Öffentlichkeit vorenthalten werden.“
    Hinzu kommt, dass Gallimard Ciorans Tagebücher veröffentlicht hat, auf die der Philosoph eigenhändig geschrieben hatte: „Zu vernichten“. [...]
    Ciorans „Goldene Regel - ein unvollständiges Bild von sich hinterlassen“ ist durch das Buch von Friedgard Thoma durchbrochen; das Bild wird etwas „vollständiger“. „Aber“, sagt Weidle, „es ist natürlich schon durch die Veröffentlichung der Tagebücher bei Suhrkamp - nach Gallimard - sehr viel vollständiger geworden.“ Also keine „postmortale“ Ruhe für die Dichter? Für Cioran so wenig wie für Gottfried Benn, dessen Briefe an seine mehr als 35 Jahre jüngere Geliebte Ursula Ziebarth der Wallstein Verlag unter dem Titel „Hernach“ publizierte? Oder handelt es sich um die späte Rache der Musen?
    http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1003928863804

    ReplyDelete
  2. Ein verführbarer Skeptiker
    Kölner Stadtanzeiger, Amine Haase, 24.10.01
    Dem Weidle Verlag, spezialisiert auf Exil-Literatur, ist eine kleine Sensation gelungen: die Publikation von Briefen, die der 1995 in Paris gestorbene rumänische Dichter und Philosoph Emil M. Cioran zwischen 1979 und etwa 1989 einer jungen Deutschen schrieb, einer Kölnerin, Friedgard Thoma. „Um nichts in der Welt - Eine Liebe von Cioran“ heißt der kleine Band voller Zündstoff.
    Das Sensationelle liegt nicht in neuen Erkenntnissen über den Skeptiker und Kulturkritiker Cioran, sondern im Sichtbarmachen des Menschen Cioran, der sich mit über 70 Jahren in eine mehr als 30 Jahre jüngere Frau verliebt. Und der Zündstoff befindet sich im Widerstand, den der Weidle Verlag aus Paris spürt, wo im traditionsreichen Verlagshaus Gallimard, das Ciorans Werk seit 1949 betreut, diejenigen sitzen, die der Bonner Verleger Stefan Weidle als „Gralshüter“ bezeichnet. In seinen Augen wird mit dem Briefwechsel aber „nichts an die Öffentlichkeit getragen, was Cioran abträglich wäre“.
    Man kann den Briefwechsel als „freundschaftliche Plaudereien“ bezeichnen. Diese sind mit einem Hauch von Kitsch versehen. Er: „Ich kann diesen schrecklichen Traum nicht loswerden. Der Gipfelpunkt von sechs Monaten von tollen Qualen überfüllt? Oder das Ende einer einseitigen Illusion?“ Sie: „Lieber Cioran, manchmal sind Sekunden da, die enthalten eine so ungeheure Zärtlichkeit.“ Brieflich habe Cioran sich gegenüber Friedgard Thoma nicht zu seinem Werk geäußert, so Weidle, „wahrscheinlich war sein Deutsch gar nicht differenziert genug, um sich profund zu äußern. Also haben die Briefe einen privaten und eher plaudernden Ton.“
    Weidle hat die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau fasziniert und die werde nur „sehr selten von der Seite der jungen Frau - wie in diesem Fall - dargestellt, noch dazu so ungeschminkt und offen.“ Das Bild des Skeptikers und Weltverächters wird durch die im Briefwechsel erkennbare Verführbarkeit des alten Mannes stark verändert - und von der Briefempfängerin Thoma auch kommentiert. Befürchtet Weidle nicht, das Image, das Cioran selber systematisch aufgebaut hat, anzukratzen? „Es wird eher ergänzt“, sagt er. „Cioran war ein fühlender Mensch, das kommt ja auch in seinen Schriften heraus. Aber dass erkennbar wird, dass er in dieser Welt verortet war, seinen Platz und sein eigenes Schicksal hatte, das tut ihm, finde ich, gut.“
    [...] Es ist möglich, dass Ciorans Pariser Verlag Gallimard, ein bestimmtes Image des Philosophen und Menschen Cioran aufrecht erhalten will. Und in dem Briefwechsel mit der jungen Frau steht der alte Cioran nicht gerade brillant da - vielleicht anrührend, aber nicht so, wie man es von einem abgeklärten Philosophen hätte erwarten können. Verleger Weidle meint dazu: „Wenn er so war, wie er in diesen Briefen vorkommt - und da wird ja Originalton wiedergegeben, da wird nichts unterstellt -, wer will dann entscheiden, wie Cioran der Nachwelt übermittelt werden soll?“ Weidle hält es für „eine anmaßende Haltung zu sagen, etwas, was Cioran wortwörtlich - auf Deutsch - geschrieben hat, soll der Öffentlichkeit vorenthalten werden.“
    Hinzu kommt, dass Gallimard Ciorans Tagebücher veröffentlicht hat, auf die der Philosoph eigenhändig geschrieben hatte: „Zu vernichten“. [...]
    Ciorans „Goldene Regel - ein unvollständiges Bild von sich hinterlassen“ ist durch das Buch von Friedgard Thoma durchbrochen; das Bild wird etwas „vollständiger“. „Aber“, sagt Weidle, „es ist natürlich schon durch die Veröffentlichung der Tagebücher bei Suhrkamp - nach Gallimard - sehr viel vollständiger geworden.“ Also keine „postmortale“ Ruhe für die Dichter? Für Cioran so wenig wie für Gottfried Benn, dessen Briefe an seine mehr als 35 Jahre jüngere Geliebte Ursula Ziebarth der Wallstein Verlag unter dem Titel „Hernach“ publizierte? Oder handelt es sich um die späte Rache der Musen?
    http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1003928863804

    ReplyDelete