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E. M. Cioran zur Einführung

von Richard Reschika

Neue Zürcher Zeitung
E. M. Cioran «zur Einführung»
upj. Das Denken des vor wenigen Monaten verstorbenen rumänischen Skeptikers Emile Maria Cioran hält sich in den wenigsten Fällen an die Vorgaben traditionellen Philosophierens; statt analytischer Vernunft finden sich Aphorismen und Aporien, die den in der Logik des Widersinns unerfahrenen Leser vor einige Schwierigkeiten stellen. Richard Reschika, selbst ebenfalls rumänienstämmiger Geisteswissenschafter, hat nun in der «Einführungs»-Reihe des Junius-Verlages einen kleinen Band publiziert, der nicht nur den vielfältigen Quellen von Ciorans Kulturskepsis nachgeht, sondern überhaupt eine erstaunliche Sensibilität für die Genese der Skepsis aus der religiösen Krise aufbringt. Mit Sachkenntnis werden das rumänische Frühwerk, die «negativen Ekstasen der Luzidität» – gemeint ist das Pariser Exil – und schliesslich die «Zersplitterungen» des Spätwerkes vorgestellt. Die Einführung ist geschrieben mit jenem Stil, den man füglich als denkerische Empathie bezeichnen darf.

Tages-Anzeiger, 24. April1995, S. 16
E.M. Cioran war lange Jahre hindurch ein Geheimtip. Seine grossangelegten, von radikaler und leidenschaftlicher Skepsis ebenso wie von radikalem und leidenschaftlichem Verfallensein an die Existenz getragenen Essays treffen gegenwärtig offensichtlich einen Nerv aktueller Befindlichkeit: Er ist schon fast Mode geworden.

Bei solchen Phänomenen entsteht gerne der Eindruck, sie hätten sich plötzlich, gewissermaßen aus dem Nichts, entwickelt. Doch Cioran entschied sich nicht einfach eines schönen Tages, ein faszinierender französischer Stilist zu werden; sein Entschluss hatte vielmehr eine lange Vorgeschichte. Dank Richard Reschikas »Einführung« lässt sich die Genese von Ciorans philosophisch-literarischer Persönlichkeit gut zurückverfolgen - bis hin zu seiner Jugend im Rumänien der 20er und 30er Jahre, zu einer Intellektuellengeneration in voller Gärung, zu der u.a. Ciorans Freund Mircea Eliade gehörte.

Kurzbeschreibung
Der rumänische »Privatnachdenker« und Meisterstilist E.M. Cioran (1911-1995) war der größte Skeptiker und radikalste Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts. Ein misanthropischer Schwarzseher und notorischer Pessimist war Cioran trotzdem nicht. Sein Denken ist skeptisch noch gegenüber dem Skeptizismus, hat unterhaltsame und humoristische Züge und verortet sich jenseits von Gott und Gottlosigkeit. Aus dem rumänischen Frühwerk und den späteren französischen Schriften entwickelt Richard Reschika das Bild eines Denkers, der Mircea Eliade, Eugène Ionesco und Paul Celan zu seinen Freunden zählte und dessen Denken die Postmoderne unbeschadet überlebt hat.

Über den Autor
Richard Reschika ist freier Lektor, (Rundfunk-)Autor, Herausgeber, Übersetzer und Rezensent.
In der JUNIUS-Reihe "Zur Einführung" gibt Richard Reschika einen pointierten Überblick über das Gesamtwerk E.M. Ciorans. Vervollständigt wird die Darstellung durch eine repräsentative Auswahlbibliographie sowie eine biographische Zeittafel.
Cioran (1911-1995) ist einer der größten Skeptiker und Kulturkritiker des vergangenen Jahrhunderts. In seinem essayistisch-aphoristischen Werk erweist sich sein Denken jedoch auch als skeptisch gegenüber dem Skeptizismus, als eines jenseits von Gott und Gottlosigkeit. So hält er sich frei von allen Geschichtsutopien und gesellschaftsverändernden Theorien. Ciorans Philosophie, die aus unterschiedlichsten Quellen schöpft, hat sich in Büchern wie Lehre vom Zerfall, Syllogismen der Bitterkeit oder Die verfehlte Schöpfung niedergeschlagen. Richard Reschika entwickelt aus dem rumänischen Frühwerk und den späteren französischen Schriften das Bild eines Denkers, dessen Denken vor dem Hintergrund postmoderner Fortschrittszweifel neue Brisanz erhielt und diese Brisanz auch nach der Erschöpfung der philosophischen Postmoderne nicht eingebüßt hat.

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